Ruprecht von Kaufmann
Die Zuschauer
Eine Serie von 55 Bildern. Öl auf Linoleum auf Holz, ca. 30 x 19,5 cm
Herausgegeben von Ruprecht von Kaufmann im Selbstverlag in einer Auflage von 250 Exemplaren;
Fotografie Stefan Maria Rother
Berlin 2014, 112 Seiten, 55 Farbabbildungen, Leporello kartoniert, Druck Druckhaus Köthen, Format 17,5 x
12,5 cm

Ruprecht von Kaufmann
CARNA[VA]L
Publikation zur gleichnamigen Ausstellung vom 22. 2. – 27.4. 2104 im Museum Abtei Liesborn mit einem
Text von Frank Schmidt
Museum Abtei Liesborn / Ruprecht von Kaufmann, Berlin, November 2014, 52 Seiten, 30 Farbabbildungen,
Broschur, Format 21 x 2,7 cm

Ruprecht von Kaufmann
Altes Haus
Publikation zu Malereien aus den Jahren 2011 und 2012 und der gleichnamigen Ausstellung von Rupert
Pfab, Düsseldorf
Herausgegeben von Ruprecht von Kaufmann
Galerie Rupert Pfab, Düsseldorf / Ruprecht von Kaufmann, Berlin, 2015, 44 Seiten, 31 Farbabbildungen,
Hardcover gebunden, Format 26 x 30,5 cm

Ruprecht von Kaufmann
Der Ozean
Publikation zu Malereien und Installationen aus den Jahren 2011 und 2012 und der gleichnamigen
Ausstellung in der Galerie Christian Ehrentraut
Herausgegeben von Ruprecht von Kaufmann
Galerie Rupert Pfab, Düsseldorf / Ruprecht von Kaufmann, Berlin, 2015, 48 Seiten, 34 Farbabbildungen,
Hardcover gebunden, Format 26 x 30,5 cm

Ruprecht von Kaufmann
Die Nacht
Publikation zu Malereien aus den Jahren 2012 und 2013 und den gleichnamigen Ausstellungen in der Galerie
Rupert Pfab, Düsseldorf und in Junge Kunst Wolfsburg e. V., Wolfsburg
Herausgegeben von Ruprecht von Kaufmann
Galerie Rupert Pfab, Düsseldorf / Ruprecht von Kaufmann, Berlin, 2015, 48 Seiten, 36 Farbabbildungen,
Hardcover gebunden, Format 26 x 30,5 cm

Es ist schon viel über Ruprecht von Kaufmann gesagt und geschrieben worden. Aber Anachronismus hat
man ihm noch nicht unterstellt. Hann Trier hatte in seinem Schüler Georg Baselitz einen „anachronistischen
Menschen“ gesehen, als dieser sich in den späten 1950-er und ersten 1960-er Jahren um keinen Preis davon
abbringen ließ, figurativ zu malen und sich vom Informell seines Lehrers und der damals vorherrschenden
Abstraktion abgegrenzt hat. Baselitz hatte diese Anmutung noch verstärkt, als er von sich sagte: „Ich bin kein
moderner Mensch“ (vergleiche dazu Helmut A. Müllers Rezension Georg Baselitz, Die Helden. In: http://
www.helmut-a-mueller.de/georg-baselitz-die-helden/). Ruprecht von Kaufmann hat anders als der 36 Jahre
früher geborene Baselitz auf den sogenannten Tod der Malerei reagiert. Nach dem Abitur war er dabei, sich
von seinem Traumberuf zu verabschieden. Durch Zufall ist er dann doch noch zum Studium der Malerei und
der Illustration gekommen und hat es 1997 mit einem Bachelor of Fine Arts mit Auszeichnung
abgeschlossen. Seither ist er davon überzeugt, dass sich Figuration und Narration mit der malerischen
Virtuosität der alten Meister und den malerischen Exerzitien der Moderne verbinden lassen: „I studied at the
Art Center College of Design in Los Angeles. I ended up there more or less by accident or through a chain of
coincidences. When I graduated from high school it was never my intent to go into art, because in art history
we had been taught about the death and end to painting, or at least figurative painting, as a finite and
irreversible fact. And I couldn’t see myself as an abstract painter or conceptual artist because I liked drawing the world around me. In that way my affinity to drawing was clearly a limitation more then anything […].

At the Art Center I discovered that there were people painting representational images still; I got hooked
quickly. But painting that way, meant to never be taken seriously by the »real artist«. Before representational
painting came clawing back out of the grave in recent years (DEAR GOD, IT’S ALIVE!!! Even the stake
through the heart won’t kill it!) there were, with very few exceptions, only very few artists who successfully
bridged the gap of modernism and fused old with new and had been accepted by the broader art world […].
Nonetheless, after finishing my degree I realized that painting was all I could and wanted to do, and
fortunately even »narrative« painting is allowed again. It’s actually quite an interesting time, because it
seems that we are again living in a time of another great turnaround. All of a sudden a lot of young artists got fed up with just following the rules of modernism that dominated art school for so many years, and started to do what they liked again […]. To me it seems much safer to work abstract, because there is less risk in terms of a message that can go wrong. As soon as figures are introduced into a painting many more layers of
interpretation open up“ (Ruprecht von Kaufmann 2008 im Interview mit Neoteric Art. In: http://
neotericart.com/2008/06/30/interview-with-ruprecht-von-kaufmann/). Bei von Kaufmann fließen zentrale
formale und inhaltliche Impulse aus der Geschichte der Malerei, von Malern wie Georg Baselitz und Gerhard
Richter und von Künstlerforschern wie Emil Siemeister in den eigenen Arbeitsprozess ein.

Ähnlich wie Baselitz lässt sich von Kaufmann von Literaten und darüber hinaus auch von Musikern und
malerischen Größen der Tradition inspirieren. „Ich habe einen sehr eklektischen Geschmack, sehr viele, sehr
unterschiedliche Vorbilder. Das reicht von Velásquez über Goya zu Rothko. Der größte Teil meiner
Inspiration aber kommt eigentlich von Schriftstellern und Musikern. Texte von Salman Rushdie oder
Jonathan Lethem oder die Liedtexte von Tom Waits sind für mich sehr wichtige Quellen. Oft sind es nur
zwei, drei Worte, die ganze Bilderlawinen in meinem Kopf lostreten“ (Ruprecht von Kaufmann am 9.9.2014
im Gespräch mit Martin Raabenstein. In: http://dasfilter.com/kultur/viel-besser-als-die-flache-leinwand-dermaler-ruprecht-von-kaufmann-im-interview). Ähnlich wie Gerhard Richter interessiert er sich für Malerei als
Malerei, verbindet dieses Interesse aber anders als Richter ausdrücklich mit seinem Interesse an Figuration
und Narration. „Ich interessiere mich sehr für Malerei an sich. In den letzten Jahrzehnten war man als Maler
immer gezwungen entweder narrativ zu arbeiten, damit aber die Malerei der Moderne zu negieren, oder
umgekehrt. Dadurch haben sich Maler in zwei Lager gespalten, dazwischen liegt ein mit viel Stacheldraht
gesichertes Niemandsland. Gerade dieses lange brach Liegende fasziniert mich. Es birgt unendlich viele
Möglichkeiten für einen Künstler, der erstens dumm genug ist, sich mit Malerei zu befassen und sich
zweitens weder dem einen noch dem anderen Lager anschließen will. Ich finde nicht, dass die formalen
Aspekte einer Komposition sich zwangsläufig einem Narrativ unterordnen müssen. Die beiden können
durchaus zusammen in einer Komposition in einen sehr konstruktiven Dialog treten und sich sogar
gegenseitig bestärken.

Mit einem Bild etwas erzählen zu wollen, schließt nicht zwangsläufig aus, sich mit Malerei und Farbe als
reiner Materie auseinander zu setzten. Text und Komposition schwächen sich in der Musik ja auch nicht. Im
Gegenteil, die Melodie kann den Text, das gesungene Wort, in seiner Bedeutung entscheidend verändern.
Ebenso kann die Melodie den mit ihr verwobenen Text bereichern. Das Gleiche gilt für die Malerei. Das
narrative Element ergänzt das pure Material der Malerei um einen weiteren Zugang. Ich finde Malerei darf
ruhig emotional sein, emotionale Intelligenz sollte nicht unterschätzt werden“ (Ruprecht von Kaufmann am
9.9.2014 im Gespräch mit Martin Raabenstein a. a. O.).

Ähnlich wie Emil Siemeister erweitert von Kaufmann die bisher üblichen Malgründe Holz, Papier und
Leinwand um Gummi, mit Fiberglas fixierte Seide und Linoleum auf Holz und erforscht deren Verhältnis
zum sie umgebenden Raum. „Ich habe Bilder immer sehr stark auch als Objekte empfunden, die sich von der
Wand abheben und nicht nur einen Bildraum öffnen, sondern in einen direkten Dialog mit dem Raum, in dem
sie hängen, eintreten. Dies kann bei Malerei auf Leinwand über die Struktur der Leinwand, den Farbauftrag
oder die Texturen, die die Pinsel auf der Leinwand hinterlassen, geschehen. An klassischen Leinwandbildern
aber hat mich immer gestört, dass selbst bei sehr bewegtem Bildmotiv der Betrachter sich kaum vor dem
Bild hin und her bewegt. Dieser nimmt den scheinbar idealen Standpunkt ein und verweilt dort. Bestenfalls
kann man durch kleinere Details eine Vor- und Zurückbewegung stimulieren. Der Blickwinkel ist aber
eindeutig. Das verleitet aber auch zu einer eindeutigen Bedeutungsebene. Deshalb lasse ich die
Bildoberfläche, den Bildträger selbst, zur Skulptur werden. Damit sind immer gewisse Teile des Bildes so
verzerrt, das der Betrachter gezwungen wird, sich vor dem Bild hin und her zu bewegen, um die Gesamtheit
des Bildes erfassen zu können. Im Wechsel zwischen Detail und Gesamtüberblick entsteht die Komposition.
Dies reflektiert unsere Lebenserfahrung und die Art, wie wir die Welt wahrnehmen, sehr viel besser als die
flache Leinwand“ (Ruprecht von Kaufmann am 9.9.2014 im Gespräch mit Martin Raabenstein a. a. O.).

Wenn von Kaufmann in seinen 55 kleinformatigen Ölgemälden auf Linoleum auf Holz aus dem Jahr 2014
nicht mehr wie Baselitz in seiner Werkgruppe Die Helden vor 50 Jahren einen identifizierbaren
Nachkriegstypus keiert, sondern eine Vielzahl von Typen und jedem seiner Zuschauer ein eigenes und
unverwechselbares Gesicht gibt, zeigt diese Werkgruppe die im beginnenden 21. Jahrhundert deutlich
fortgeschrittene Individualisierung. Baselitz’ Helden sind noch an den Extremitäten und Körpern verletzt,
von Kaufmanns Zuschauer am Kopf, der Stirn, den Nasen, den Augen, den Ohren und im ganzen Gesicht.
Einige haben ihr Gesicht in Gänze verloren; andere sind zu Charaktermasken erstarrt. In der Werkgruppe
Zuschauer versammeln sich darüber hinaus die besten Einfälle aus der Geschichte der Porträtmalerei von
den Altägyptischen Mumienporträts über Albrecht Dürer, Rembrandt von Rijn, Ferdinand Hodler und
Francis Bacon bis zu den Familienporträts von Gerhard Richter und den Frakturbildern von Georg Baselitz,
und das auf neue Weise und in unverwechselbarem Zugriff.

In der Literatur wird gelegentlich unterstrichen, dass sich von Kaufmann in seiner malerischen Narration mit
existentiellen Grenzerfahrung auseinandersetzt. Seine im Katalog Altes Haus publizierte Malerei Tipping
Point, 2011, Öl auf Holz, 30 x 30 cm kann exemplarisch und sinnfällig für diese Einsicht stehen. Sie zeigt
einen Jugendlichem in einem graublauen Kapuzenpulli, der vor einer hellgrauen Wand auf der Lehne eines
Wohnzimmerstuhls aus den Nachkriegsjahren sitzt. Er trägt neben seinem Pulli eine braune Hose, rote
Socken und weiße Sandalen. Eines der vier Stuhlbeine ist abgebrochen. Zwei der vier Streben, die die
Stuhlbeine eigentlich stabilisieren sollten, greifen ins Leere. In fast allen Besprechungen wird die schwer
definierbare, zum Unheimlichen tendierende Grundstimmung in von Kaufmanns großformatigen Malereien
erwähnt. Man fühlt sich in der Tat an Angstträume und Stimmungen wie in Alfred Hitchcocks Horrorthriller
Psycho erinnert, wenn in Der Halt, 2013, Acryl und Öl auf Lw, 160 auf 250 cm ein leerer, halb beleuchteter
Überlandbus vor einem Telegrafenmast in einer Sandwüste voller Kakteen hält und auf der Landstraße ein
orange-grau geringelter Riesenwurm den weiteren Weg versperrt. Der Wurm windet sich aus einem
baumhohen gelben Sack heraus und sondert Lichtblasen ab. In Die Nacht. Die Passage, 2013, Acryl und Öl
auf Lw, 150 x 210 cm scheint eine fast nackte Schläferin aus einem düsteren Bühnenraum durch eine
angedeutete Maueröffnung ins hellere Freie zu schweben und stößt dabei eine Nachttischlampe um. Das
neben der Nachttischlampe an einer Schnur zum Trocknen aufgehängte olivgrüne Hemd bewegt sich nicht.
Gleichfarbig olivgrüne Wildspuren, man denkt an die Spuren eines nachtaktiven Marders, schweben frei im
Raum. Die Traumsequenz läuft auf einen leicht rötlichen Gipsabdruck eines antiken Kopfes im rechten
Vordergrund zu. Man weiß nicht recht, was der Kopf mit der Traum- und Seelenreise der Schläferin zu tun
haben soll. Das Tier, das die Fußabdrücke hinterlassen hat, wäre möglicherweise der Schlüssel. Tiere sollen
bei von Kaufmann Bedeutungsträger für die vielschichtigen Erfahrungen der menschlichen Psyche sein
(vergleiche dazu Ruprecht von Kaufmann, Fabel. In:http://www.georg-kolbe-museum.de/2014/02/ruprechtvon-
kaufmann-fabel-2/). Aber das Tier, das die Spuren hinterlassen hat, ist aus der Malerei verschwunden.

ham, 31. Juli 2016
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