Apr 14

Ruprecht von Kaufmann

Von Helmut A. Müller | In Katalog, Kunst

Solo Nummer 9, vorgestellt am 25. Februar 2017 in den AEG-Werkshallen in Berlin-Wedding durch die AMC Collezione Coppola. Mit einem Essay von Nicola Graef und einem Gespräch zwischen Ruprecht von Kaufmann und Stefano Vastano

Vicenza, Italia, Februar 2017, 72 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen, Broschur mit Rückstichheftung, Format 32,2 x23,5 cm

Der am 25. Februar 2017 in den AEG-Werkshallen vorgestellte Katalog (vergleiche dazu http://coleccionsolo.com/artists/ruprecht-von-kaufmann/, abgerufen am 12. April 2017) gibt einen guten Überblick über Ruprecht von Kaufmanns seit 2009 entstandene groß- und kleinformatige Malerei und ergänzt die bisher vorliegenden Publikationen kongenial. Der 1974 in München geborene figurative Maler wurde zwischen 1995 und 1997 an dem renommierten Art Center College of Design in Los Angeles ausgebildet und lebt seit 2003 nach einer Zwischenstation in New York in Berlin. Nicola Graefs Essay Ich zweifle also bin ich und das groß angelegte Gespräch über Kunst, Kunstschaffen, und Kunstmarkt zwischen Ruprecht von Kaufmann und Stefano Vastano stecken auf je eigene Weise mögliche Zugänge zum Gesamtwerk des Künstlers ab.

René Descartes hatte in seinem Discour de la Methode von 1641 mit dem vor allem auf Lateinisch überlieferten Satz „Je pense, donc je suis“ / „cogito ergo sum“ gegen jeden Selbstzweifel angeschrieben: „Ich denke, also bin ich“. Wenn ich denke, kann ich zwar daran zweifeln, ob ich überhaupt etwas weiß und ob das, was ich weiß, richtig ist. Aber es ist gewiss, dass ich es bin, der denkt. Wer denkt, existiert. Damit ist ein Fundament gefunden, das alles weitere Wissen begründet. Für Nicola Graef steht von Kaufmanns malerisches Denken in genau dieser Tradition. Sie fokussiert es auf den Satz: „Ich zweifle, also bin ich“. Jedes Existieren erlaubt das Zweifeln. Und wenn für den Maler das Malen zur Existenz gehört, kann auch das Malen zu einem Ausdruck seines Zweifelns werden: „Ich male, also zweifle ich“ – „Ich zweifle, also male ich“. Damit ist jede einfache Lesart der aus Mythen, Märchen und Träumen gespeisten Malerei Ruprecht von Kaufmanns ausgeschlossen. Wenn die Welt schon aus den Fugen geraten und wenn es erlaubt ist, an allem und jedem zu zweifeln, käme es darauf an, sich wie Sisyphus immer wieder neu auf den Weg zu machen und „etwas zu wagen. Gegen jeden Zweifel, gegen jede Vernunft, gegen den Strom. Auch wenn es unglaublich mühsam ist“ (Nicola Graef, S. 3).

Wenn man die Figuren von Kaufmanns, also seine Gefangenen, Ruderer, Artisten, Reiter, Gaukler, Irrlichter, Säulensteher, den Zyklop, Prometheus, Minotaurus und die Frauen, aber auch die Elefanten, Pferde, Stiere, Fische, Echsen und Wale mit Graef als Protagonisten des Zweifels interpretiert, werden sie zu Counterparts des Malers, zum „Advokatus Diaboli, Widersacher, Korrektoren, Mahner und Ermutiger. Sie sind sie und er ist er. Aus diesem Spiel (oder Duell), aus dieser Zusammenkunft entsteht eine ganz eigene Welt. Nicht von dieser Welt. Verwirrend. Bezaubernd. Schräg. Einzigartig. Und plötzlich liegen genau darin Trost und Tröstung. Denn diese andere, fremde Welt, sie haust in jedem von uns. Sie macht sich mal mehr und mal weniger breit, aber sie gehört dazu. Dieses Unkalkulierte, Unberechenbare schützt uns vor dem Versagen, vor der Angst, vor dem Verzweifeln. Die Welt von Ruprecht von Kaufmann feiert den Zweifel“ (Nicola Graef S. 3).

Einer der Schwerpunkte des zu einem Lehrstück über Kunstmarkt und Dogmatismus in der Kunst gewordenen Gesprächs zwischen Ruprecht von Kaufmann und Stefano Vastano liegt in der kritischen Reflexion der noch in den ersten 1990 er Jahren in Deutschland herrschenden Vorstellung, dass jegliches figurative Element in einem Gemälde die historische Entwicklung der Malerei seit dem Zweiten Weltkrieg negiert. Statt auf Figuration sollten junge Künstler deshalb auf Abstraktion oder auf Minimalismus setzen. Abstraktion und Minimalismus seien der unhinterfragbare Gipfel künstlerischen Ausdrucks. Von Kaufmann hat nach dem Abitur unter dem Diktat dieses Dogmatismus keine Möglichkeit gesehen, sich an einer deutschen Kunsthochschule einzuschreiben und deshalb in Los Angeles studiert. Dort hat es keinen „antifigurativen Dogmatismus“ gegeben und er hat seinen eigenen Weg suchen und finden können. Zwar habe auch die Leipziger Schule geholfen, dem antifigurativen Dogmatismus die Spitze zu brechen und der Figuration den ihr zustehenden Platz zurückzugeben. Aber er sehe in vielen Elementen seines künstlerischen Schaffens eher Bezüge zu der amerikanischen neofigurativen Tradition, so etwa zu Edward Hopper, Andrew Wyeth und zu den Collagen von Robert Rauschenberg.

In seinen Schwarzen Bildern und der dunklen Phase seines seit 1997 entwickelten Werks hat er den Tod seiner ersten Frau, Goyas schwarze Gemälde, den Mythos von Orpheus und Eurydike und die Schatten des Hades reflektiert. In seinen danach erarbeiteten Traumbildern will er anders als Sigmund Freud nicht auf eine einzige richtige Deutung setzen. „My works never focus on one possible solution. Quite the opposite: I would like those who go up to my paintings to feel they are in a forest of varying meanings. A forest you enter with the knowledge that you will not be shown a straight way out but only one leads deeper and deeper inside“ (Ruprecht von Kaufmann S. 66). Gefragt, ob Bilder und Maler die dunkle Seite der Deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert erklären können, antwortet von Kaufmann, dass Kunst keine magischen Fähigkeiten hat und weder Orpheus noch Künstler Eurydike aus dem Hades befreien können. „Instead he is always in limbo – like Ikarus – he always falls and is crushed pitilessly at the feet of the next indifferent god. Yet – and perhaps this is the strongest of our addictions – we (the artists) cannot help but […] create an image of good and evil. Something that work as a basic moral compass. We cannot help but plan other works that will again tell the story of this battles of values. In every painting it is precisely this clash or essential duality that ist the work“ (Ruprecht von Kaufmann S. 67 f.).

ham, 12. April 2017

Download

Kommentare sind geschlossen.

COPYRIGHT © 2020 Helmut A. Müller