Die Erneuerung unseres Glaubens durch interreligiösen Dialog
Kösel Verlag, München, 2002, ISBN 3-466-365591-0l, 158 S., Broschur kartoniert, Format
21 x 13,5 cm, € 15,95 (D) / SFR 29,10
Für den vormaligen Zisterzienser Joachim von Fiore war die Weltgeschichte nach seinen
vergleichenden Studien des Alten und des Neuen Testaments trinitarisch zu deuten. Auf das
42 Generationen dauernde Reich des Vaters, die Zeit des Alten Testaments, war nach seiner
Auffassung das Reich des Sohnes und der Kirche gefolgt, in dem er selber gelebt hat. Dieses
zweite Reich dauert von Christus bis zum Jahr 1200. Auf dieses Zeitalter werde, so Joachim,
das Reich des Geistes folgen. Das dritte Weltzeitalter werde von Endzeitkämpfen eingeleitet
und der Untergang der Welt stehe unmittelbar bevor.
Für den 1942 geborenen Jesuiten, Gründer und Leiter des in Kalady, Südindien gelegenen
christlich geprägten Sameeksha-Ashrams Sebastian Painadath bringt das Zeitalter des Geistes
nicht den Weltuntergang, sondern die Chance einer ganzheitlichen Schau der Welt und einer
alle Religionen verbindenden Spiritualität. „Das Sanskritwort Sameeksha bedeutet
ganzheitliche Schau: alles im göttlichen Zusammenhang sehen. Das ist eigentlich das
Grundanliegen unseres Ashrams. Geboren bin ich in einer christlichen Familie, aber von
Kindheit an erlebte ich Einflüsse der hinduistischen Spiritualität in unserer Familie, denn
mein Großvater war noch Brahmane, der zum Christentum konvertierte… Nach dem
Theologiestudium in Innsbruck und der Promotion in Tübingen kehrte ich 1978 nach Indien
zurück. Acht Jahre arbeitete ich in der theologischen und interreligiösen Erwachsenenbildung
im engen Umgang mit Hindus und Muslimen. Diese Begegnungen haben in mir einen seit
Jahren schlummernden Wunsch wachgerufen, mit dem Lebensstil eines Ashrams zu
experimentieren. Mit Unterstützung der Jesuitenprovinz gründete ich 1987 den Ashram in
Kalady, dem Geburtsort von Sankara, dem großen Hindu-Mystiker und Theologen des 9.
Jahrhunderts. Inzwischen ist es ein beliebter Ort der Begegnung für Hindus, Christen und
Muslime geworden“ (Sebastian Painadath). Nach Painadaths immer noch lesenswerten Buch
leben wir „in einem neuen Zeitalter des Geistes, in einer begnadeten Zeit der Kirche: in einem
Kairos. Nie zuvor hat die Menschheit die globale Vernetzung so deutlich gespürt wie heute.
Dabei erlebt der heutige Mensch auch sehr intensiv die letztlich spirituelle Einheit der
Menschheit. Er erfährt die verwandelnde Wirkung des göttlichen Geistes, der über die
Mauern der Religionen und Nationen hinaus die Menschen miteinander verbindet“ (Sebastian
Painadath). Menschen und Nationen können sich über bisherige Grenzen hinweg begegnen,
wenn sie ihre kulturbedingten Unterschiede hinter sich lassen und zu ihren spirituellen
Quellen, Wurzeln und Kernerfahrungen ihrer Religionen zurückkehren. „Der Geist Gottes
reißt Mauern nieder, die wir Menschen aufgrund von Kultur und Religion, Nationalität und
ethnischer Zugehörigkeit aufstellen. Der Geist Gottes ruft ein neues Bewusstsein hervor, in
dem die weltweite, Grenzen überwindende Einheit deutlicher wird… Ein mystischer Wind
weht heute über die Erde… Um diese Zeichen der Zeit zu deuten, wäre es gut, über den
Unterschied zwischen Spiritualität und Religion zu reflektieren… Spiritualität ist die
Erfahrung des Ergriffenseins durch den Spiritus, durch den Geist Gottes. Sie ist das Gespür
für das Absolute, für das Alles-Transzendierende und das Alles-Durchringende, das
Betroffensein vom Heiligen (Rudolf Otto), vom Göttlichen (Meister Eckhart). Spiritualität ist
die universale Erfahrung der Geborgenheit im tragenden Seinsgrund und das
Angezogenwerden vom letzten Ziel. Sie prägt das Leben aller Menschen, denn jeder will,
dass sein Leben Tiefe und letzten Halt hat. Der Geist Gottes wirkt im Herzen aller Menschen
verwandelnd… Religion ist der kulturbedingte und daher ambivalente Ausdruck der
spirituellen Erfahrung. Das Medium, wodurch die spirituelle Erfahrung zum Ausdruck
gebracht wird, ist das Symbol… Über die Symbole wird Spiritualität zur Religion. Bildhaft
ausgedrückt: Spiritualität ist die Wurzeldimension der Religion; Religion entfaltet sich wie
der sichtbare Baum in vielfältigen Formen. Beide – Spiritualität und Religion – sind eng
miteinander verbunden. Spiritualität ist der Gehalt der Religion; Religion ist die Gestalt der
Spiritualität. Aus der verborgenen Quelle der Spiritualität entsteht der Fluss der Religion und
fließt in verschiedene Richtungen des gesellschaftlichen Lebens“ (Sebastian Painadath).
Painadath träumt von einer neuen Kultur des Dialogs, in der sich Menschen über die
trennenden Grenzen der Religionen und Konfessionen, Kasten und Kulturen hinweg angstfrei
begegnen können und dabei begreifen, „dass sie alle von dem einen Geist Gottes geführt und
getrieben werden. In diesem geistgetragenen Prozess der Begegnung kommt das befreiende
Potenzial jeder Religion und die schöpferische Dynamik jeder Kultur zum Ausdruck. Ich
träume von einer neuen Gesellschaftsordnung: über die Vorurteile und Reinheitsvorschriften
hinaus sollen Menschen miteinander das Brot brechen und das Leben teilen dürfen und dabei
begreifen, dass sie alle von der einen Erde getragen und ernährt werden. In dieser geerdeten
Grundhaltung wird Gerechtigkeit das Leben prägen, wird Friede herrschen und die Erde
erblühen. Ich träume von einer neuen Religiosität: über die voneinander abgrenzenden
Barrieren hinweg, dürfen Gläubige aller Religionen (und auch Menschen, die keiner Religion
angehören) als Mitpilgernde geistig unterwegs sein und dabei begreifen, dass sie alle letztlich
zu dem einen Gott unterwegs sind. Auf diesem Pilgerweg entfaltet sich eine Menschen
befreiende und verbindende Spiritualität, deren Merkmale die All-Einheits-Erfahrung sowie
die Barmherzigkeit sein werden“ (Sebastian Painadath).
ham, 03.12.2013

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