Studies in Spiritual Care, edited by Simon Peng-Keller, Eckhard Frick, Christian Puchalski, John Swinton
Volume 2

Walter der Gruyter, Berlin / Boston, 2017, ISBN 978-3-11-052520-5, 154 Seiten 1 schwarzweiße- und 17
Farbabbildungen, Hardcover gebunden, Format 23,5 x 15,8 cm, € 69,95

Für Simon Peng-Keller steht am Anfang der modernen Hospizbewegung nicht allein die englische Ärztin
Cicely Saunders, sondern auch ihr Patient David Tasma. Kurz vor seinem Tod hat er ihr eine Metapher
überlassen, die für sie und das St. Christopher Hospice in London zum Leitbild werden sollte: „I´ll be a
window in your home“. Einen analogen Vorlauf hatte die Sterbeforschung der Schweizer Ärztin Elisabeth
Kübler-Ross. 1946 sind der damals Zwanzigjährigen beim Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers von
Majdanek Kinderzeichnungen aufgefallen, die in die Barackenwände eingeritzt waren. „›Als ich genauer
hinschaute, entdeckte ich ein Motiv, das immer wieder auftauchte. Schmetterlinge. Überall sah ich diese
Zeichnungen von Schmetterlingen. […] ‚Warum?’ fragte ich mich. ‚Warum Schmetterlinge?‘ Sicher hatten
sie eine besondere Bedeutung. Aber welche? Während der nächsten fünfundzwanzig Jahre habe ich mir diese
Fragen gestellt‹“ (Elisabeth Kübler-Ross nach Simon Peng-Keller S. 1). Tasmas poetische Metapher und die
Kinderzeichnungen sind in Todesnähe entstanden. Sie lassen sich zusammen mit den Gesten, mit denen
Sterbende weiter kommunizieren, wenn die Sprache ihren Dienst versagt und der kreative Selbstausdruck
nicht mehr möglich ist, als Symbolsprache Sterbender verstehen.

„In Situationen von Todesnähe können Bilder Brücken des Vertrauens bilden und zu spirituellen Erbschaften
werden. Gleichzeitig bereitet die symbolische Kommunikation von Menschen am Lebensende den
Angehörigen und professionellen Begleitern oft Mühe. Nicht selten werden sie als Ausdruck der Verwirrung
missverstanden und abgetan. Dadurch bleiben kommunikative Brücken in die Welt der Betroffenen
ungenützt und bildhaft geäußerte Wünsche ungehört […]. Das vorliegende Buch geht dem Sinn
symbolischer Kommunikation im Horizont einer sich interprofessionell formierenden Spiritual Care nach
[…]. In der Herausforderung, die Symbolsprache Sterbender zu verstehen und auf sie angemessen zu
antworten, begegnen und bereichern sich ganz unterschiedliche Professionen: Seelsorge, Medizin,
Krankenpflege, Kunsttherapie und Psychologie“ (Simon Peng-Keller S. VII f.).

Nach Peng-Keller, der die 2015 neu eingerichtete Professur für Spiritual Care an der Theologischen Fakultät
der Universität Zürich innehat, lassen sich das metaphorische Sprechen Sterbender, ihre Bilder und ihre
Gesten inhaltlich vier Hauptthemen zuordnen:
1. Der Vorbereitung und dem Aufbruch. Dazu zählen „zum einen indirekt mitgeteilte Vorahnungen des
Todeszeitpunkts […], zum anderen geistige Vermächtnisse wie jenes von David Tasma: ›I´ll be a
window in your home‹“ (Simon Peng-Keller S. 8).
2. Der Verbindung mit Verstorbenen. Eine Verbindung mit Verstorbenen findet sich „gelegentlich in der
gestischen Kommunikation von Sterbenden. Dass sie […] häufig ihre Arme nach oben ausstrecken,
kann ebenfalls in diese Richtung interpretiert werden“ (Simon Peng-Keller a. a. O.).
3. Dem Wiedererleben von Schlüsselereignissen. Ein solches Wiedererleben zeigte sich bei einer Klientin,
die sich beim Anschauen eines sich entblätternden Buchenbaums an jene Linde erinnerte, unter der sie
sich in ihrer Jugend mit ihrem zukünftigen Mann traf.
4. Den unabgeschlossenen Arbeiten. Viele Sterbende wollen vor ihrem Tod bisher liegen gebliebene
Arbeiten und Aufgaben zu Ende bringen, sich wie ein 78-jähriger Elektromonteur mit ›ganzer Energie‹
auf die letzte Lebensaufgabe vorbereiten und „›neue Kontakte‹“ aufbauen (Simon Peng-Keller S. 9).

Wenn man nach dem Sinn der symbolischen Kommunikation am Lebensende fragt, sollte man ihn nach
Peng-Keller „nicht auf eine Funktion reduzieren und schon gar nicht auf eine einzige“ (Simon Peng-Keller S.
14). Er versteht die Symbolsprache Sterbender einmal als eine besondere Form indirekter Selbstmitteilung.
„Was in alltagssprachlicher Kommunikation unauffällig eingewoben ist, tritt hier in einer Weise hervor, die
als irritierend empfunden werden kann. Gleichwohl bieten gerade alltagssprachliche Formen indirektbildhafter
Mitteilung einen Hinweis auf den Sinn, der solchen Sprachformen in Todesnähe zukommt. Wir
wählen sie, um etwas ›durch die Blume‹ mitzuteilen, um ein Anliegen und Wünsche taktvoll zu äußern oder
um schonend Dinge zu formulieren, die uns oder anderen nahegehen. Dass Sterbende durch indirekte
Selbstmitteilung Angehörige oder sich selbst vor einer direkten Konfrontation mit dem Tod schützen, ist ein
bekanntes Phänomen“ (Simon Peng-Keller a. a. O.). Zum Schützen vor schwer akzeptierbaren Wahrheiten
kommt die Verarbeitung der Ambivalenzen des Abschieds und die Vorbereitung des letzten Übergangs.
„Symbolen ist ein integratives Potenzial zu eigen. Sie halten zusammen, was sonst auseinanderzubrechen
droht. Und sie ermöglichen Selbstdistanzierung und die kreative Transformation bisheriger
Selbstkonzepte“ (Simon Peng-Keller S.15). Schließlich können die Äußerungen Sterbender als paradox
gelebte Praxis der Hoffnung verstanden werden, als wirklichkeitsverändernder Prozess des Überschreitens
und als Zeichen der Selbsttranszendenz. „Angesichts des baldigen Todes Schmetterlinge an die
Barackenwände von Majdanek zu zeichnen, bedeutet, sich in einem Akt der Hoffnung gegen die Kräfte des
Todes zu wenden und sich auf eine Zukunft hin zu überschreiten, die dem Leben gehört“ (Simon Peng-Keller
S. 16).

Unter den Beiträgern des Forschungsberichts schlägt der Mainzer Krankenhausseelsorger Erhard Weiher vor,
auch Rituale als eine Form symbolischer Kommunikation zu verstehen. „Wenn das medizinisch Machbare
und Mechanische ausgereizt ist, werden im Modus der symbolischen Kommunikation Ressourcen als Sinnund
Krafträume erschlossen, mit denen das Schwere und Unvermeidliche besser getragen werden kann. Das
Schwere bleibt schwer, aber die Tragflächen werden breiter […]. Das Schwere und die Trauer werden […]
nicht aufgelöst. Sie bekommen vielmehr […] einen sinnvollen Platz, und daraus folgt eine sinnvolle Praxis
der Begleitung“ (Erhard Weiher S. 34). Die Wiener Bildungs-, Erziehungs- und Pflegewissenschaftlerin
Esther Matolycz handelt über die Bedeutung sprachlicher und nichtsprachlicher Gesten in der Pflege
terminaler Patienten. Die Pädagogin und Theologin Franziska Pilgram-Frühauf widmet sich der
Symbolsprache von Menschen mit Demenz. Der Tübinger Pädiater und Onkologe Dietrich Niethammer und
die Kunsttherapeutin Kathrin Hillermann diskutieren Hinweise auf den bevorstehenden Tod, die sterbende
Kinder in ihren Bildern geben. Der deutsch-schweizerische Psychiater und Psychoanalytiker Joachim
Küchenhoff unterstreicht, dass es bei der Begleitung Sterbender wichtig ist, im Gespräch Momente
emotional geteilter Präsenz und eine Beziehung zu schaffen, die gut tut, „weil sie […] eine Erfahrung im
Hier und Jetzt ermöglicht, die gleichsam dem Tod entgegengesetzt ist“ (Joachim Küchenhoff S. 9).
Schließlich passt für den Bonner Praktischen Theologen Eberhard Hauschildt symbolische Kommunikation,
„da, wo nichts mehr passt, […] zu weisheitlicher Praxis“ (Eberhard Hauschildt S. 105). Symbole sind für ihn
nur angemessen „zu begreifen als momentane Stationen eines zeitlichen Prozesses zu seinem Ende hin […].
Die besondere symbolische Kommunikation ersetzt auch hier gerade nicht den Bedarf nach Alltagserleben,
das dann seinerseits eine Aufwertung zu einem ›Zum letzten Mal‹ erfahren kann […]. Am Ende des
Prozesses symbolischer Kommunikation mit einem Sterbenden steht, angesichts der Abhängigkeit von der
Physik und Chemie und Biologie des Körpers, die offene Frage, was das denn für die (symbolische)
Kommunikation mit anderen und für das eigene Sterben bedeuten kann“ (Eberhard Hauschildt S. 114).

ham, 21. Oktober 2017
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