Traum- und Wachvisionen Sterbender und Nahtoderfahrungen im Horizont von Spiritual Care

Studies in Spiritual Care. Edited by SimonPeng-Keller, Eckard Frick, Christina Puchalski, John Swinton
Volume 1

Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2017, ISBN 978-3-11-047316-2, 188 Seiten, Hardcover gebunden, Format
23,5 x 16 cm, € 79,95 / $91.99 / £65.99

Der heute 90-jährige Praktische Theologe und Mediziner Dietrich Rössler hat schon Anfang der 1970er Jahre
in seinen pastoraltheologischen Seminaren an der Universität Tübingen auf die 1969 erschienen Interviews
mit Sterbenden von Elisabeth Kübler-Ross aufmerksam gemacht und damit das Interesse an der
Nahtodforschung geweckt. Deshalb war es für seine Studenten eine Selbstverständlichkeit, sich auch mit
Raymond Moodys 1975 erschienen Studie Life After Life auseinanderzusetzen und in der Seelsorge
empathisch und zugewandt mit Berichten von Begegnungen mit Lichtwesen und Verstorbenen,
außerkörperlicher Wahrnehmung, Tunnel- und Nahtoderfahrungen umzugehen. Nahtoderfahrungen heben
zwischenzeitlich in der Seelsorge die ihnen gebührende Aufmerksamkeit erhalten. Auch das Wissen über
Erfahrungen in Todesnähe hat stark zugenommen. Gleichwohl kommt den sich in Todesnähe einstellenden
intensiven Bildern noch nicht die notwendige Aufmerksamkeit zu.

„»Alles kommt jetzt in Bildern«, schrieb Anatole Broyard am Anfang seines Berichts über seine tödlich
verlaufende Krebserkrankung […]. Wenn es die Angst vor den Schmerzen, die Angst vor der letzten
Einsamkeit und die Angst vor der Sinnlosigkeit ist, die das Sterben bitter macht, dann gehört es zu den
zentralen Aufgaben heutiger Spiritual Care, Menschen in Todesnähe nicht allein zu lassen und dem in ihrem
Erleben verborgen Sinnpotenzial mit Aufmerksamkeit und Wertschätzung zu begegnen. Das vorliegende
Buch versteht sich als Beitrag dazu. Es antwortet auf eine bisher von klinischer Seite wenig bemerkte
Schwierigkeit: dass Menschen, die in Todesnähe mit intensivem Bilderleben konfrontiert werden, sich oft
isoliert und pathologisiert fühlen. Das gilt für Sterbende ebenso wie für Menschen, die durch Unfall oder
Krankheit kurzzeitig in Todesnähe geraten und dabei mit visionärem Erleben konfrontiert werden. Das
vorliegende Buch nimmt beides gemeinsam in den Blick“ (Simon Peng-Keller S. V). Die im Rahmen des
SNF-Forschungsprojekts „Hermeneutik des Vertrauens am Lebensende – Imaginatives Erleben und
symbolische Kommunikation in Todesnähe“ an der Universität Zürich entstandene Studie (vergleiche dazu
http://www.hermes.uzh.ch/de/forschung/nfp67-vertrauen-am-lebensende.html ) stützt sich unter anderem auf
eine Befragung von 49 Seelsorgerinnen und Seelsorgern und beschreibt und analysiert in ihrem ersten Teil
die Hauptformen der sich in Todesnähe einstellenden Bilder. Im zweiten Teil werden die komplexen
Deutungsprozesse untersucht, die sie hervorrufen und im dritten Teil ihre Bedeutung für die Spiritual-Care-
Praxis und die dort tätigen Seelsorgenden, Ärzte, Pflegefachleute, Angehörigen und freiwilligen Helfer.

Nach Peng-Keller sieht sich der Versuch, perimortale Traumvisionen angemessen zu erfassen, mit drei
Schwierigkeiten konfrontiert: es kann erstens erst im Nachhinein gesagt werden, ob die visionären
Phänomene in den perimortalen Bereich gehören. Zweitens sind die Motive, die solches Erleben
kennzeichnen, nicht immer Vorzeichen eines nahen Todes. Und drittens gibt es wie zwischen Traum- und
Wachvisionen und auch zwischen Träumen mit und ohne visionären Qualitäten fließende Übergänge. Das
belegt, „dass es sich bei den untersuchten Formen visionären Erlebens in Todesnähe um Phänomene handelt,
die nicht nur untereinander in vielfältiger Weise verbunden sind, sondern auch mit den vertrauten Formen
des (Tag-)Träumens […]. Traumgeschehen, Traumerinnerungen und Traumkommunikation bilden ein
integrales Geschehen, das sich in bestimmten Kontexten vollzieht“ und nicht selten mit
Lebensentscheidungen verbunden ist (Simon Peng-Keller S. 12). So soll dem zum Tode verurteilten Sokrates
nach Platons Kriton im Traum eine weiß gekleidete Frauengestalt erschienen sein und ihm angekündigt
haben, dass er nicht, wie erwartet, schon am nächsten Morgen, sondern erst in drei Tagen sterben werde. Sie
habe ihm dann auch die »fruchtbare Phtia« vor Augen gestellt. Sokrates verstand diese Erscheinung nicht als
Ansporn zur Flucht, sondern als Ermutigung, für seine Überzeugung zu sterben. „Die Traumvision nimmt
Sokrates die Entscheidung nicht ab. Sie bestätigt ihm vielmehr seine längste getroffene Wahl, aus Liebe zur
Gerechtigkeit den Tod auf sich zu nehmen. Was Platon am Beispiel seines Lehrers diskutiert, ist die
Grundfrage aller Lebensentscheidungen: Unter welchen Umständen und zu welchem Preis ist es
angemessen, um sein Leben zu kämpfen?“ (Simon Peng-Keller S. 10).

Peng-Keller zeichnet insgesamt 18 Träume und Traumvisionen nach, darunter die Vision einer Sterbenden,
die ihre Freundin von ihrem Grab weggehen sieht und den Traum der Zurückgebliebenen, die am Tag nach
dem Tod der Verstorbenen träumt, dass diese bei ihr und ihrer Tochter gewesen, herumgegangen und froh
und glücklich gewesen sei. Unter den elf analysierten Wachvisionen erinnert die Wachvision eines am
Himmel vorbeiziehenden Feuerwagens an den Feuerwagen Elias aus 2. Könige 2,11. Das Feuer hatte für den
Sterbenden keine bedrohliche, sondern eine erhebende Qualität, so die Seelsorgerin. „»Mir selbst gab dieses
Bild Kraft und bewirkte ein tiefes Staunen und Respekt vor der tiefen Weisheit, die sich im Sterben öffnen
kann«“ (zitiert nach Simon Peng-Keller S. 31).

Ungeachtet ihrer markanten Unterschiede bilden die 17 besprochenen Nahtoderfahrungen für Peng-Keller
einen eingrenzbaren visionären Erfahrungstyp, zu dem unter anderem das Bewusstsein der Todesnähe und
ein starker Wirklichkeitsakzent gehört: Das visionär Erlebte scheint wirklicher zu sein als die Alltagswelt,
mit der gebrochen wird. Diese andere entweder schlagartig oder in einer Außerkörperlichkeitserfahrung
erlebte Wirklichkeit kann als außeralltägliche »Sinnprovinz« (Simon Peng-Keller S. 38) beschrieben werden.
Die Denk- und Erinnerungsfähigkeit erscheint während des Erlebens gesteigert und die Betroffenen
reflektieren, ob sie in der anderen Welt bleiben oder in ihre Alltagswelt zurückkehren wollen. Sie haben das
Gefühl, etwas Außergewöhnliches erlebt zu haben und erinnern sich noch nach Jahren in allen Details an das
Erlebte.

Auch im oneiroiden Erleben (von griechisch oneiros = Traum) kommt es zum radikalen Bruch mit der
Alltagswelt, doch diese erscheint als merkwürdig verändert, irreal, komplex und rätselhaft. Die dramatischen
„Ereignisse brechen nicht selten vor ihrem Höhepunkt ab und lassen die Betroffenen ratlos und irritiert
zurück“ (Simon Peng-Keller S. 51).

In der Zusammenschau des in Todesnähe visionär Erlebten sind nach Peng-Keller die Hyperrealität des
Erlebten, die Kontinuität und Transformation des Selbsterlebens und die narrativ-symbolische Struktur des
Erlebten mit offenem Ausgang auffällige Gemeinsamkeiten: „Strukturell und aus reflexiver Distanz
betrachtet verdoppelt sich das verleiblichte Selbst der Betroffenen ähnlich wie im Traumerleben in ein
Selbst, welches das visionäre Erleben hervorbringt, und das erlebte Selbst das in der visionierten Welt
verortet ist. Aus der Betroffenenperspektive wird das jedoch meist anders beschrieben: Andere als im
vertrauten Traumerleben bleibt die Ich-Kontinuität bei mitunter stark veränderten Selbsterleben erhalten
[…]. Die Betroffenen erlebten […] sich selbst als handelnd, wahrnehmend, reflektierend, affektiv erlebend
und erleidend. Was sie erlebt haben, wird zum Teil ihre Lebensgeschichte […]. Während in den Traum- und
Wachvisionen die Ankündigung des baldigen Endes das Leitmotiv darstellt, findet sich in den
Nahtoderfahrungen jenes der Grenze und des Zurückgeschickt-Werdens. Die oneiroiden Erlebnissequenzen
enden schließlich typischerweise abrupt vor der befürchteten Katastrophe […]. Bezüglich der Erlebnisinhalte
lassen sich zwischen visionärem Erleben am Lebensende und Nahtoderfahrungen […] übergreifende
Unterschiede ausmachen“ (Simon Peng-Keller S. 63): Bei Traum- und Wachvisionen 1. das Motiv der
Vorbereitung für den Aufbruch, 2. das der Erscheinung von Verstorbenen, 3. das Wiederbeleben von
Schlüsselereignissen und 4. das der unabgeschlossenen Aufgaben; bei Nahtoderfahrungen 1. das
Außerkörperlichkeitserleben und Reisen in die andere Wirklichkeit, 2. die Begegnungen mit Verstorbenen in
einer anderen Wirklichkeit, 3. der Lebensrückblick und 4. die Wahrnehmung von noch zu erfüllenden
Aufgaben. „Manche dieser Motive finden sich auch in oneiroidem Erleben, in dem sich jedoch
schwerpunktmäßig die bedrohliche Krankeitssituation symbolisch verdichtet“ (Simon Peng-Keller S. 64).

Peng-Keller schlägt vor, das in Todesnähe visionär Erlebte primär als Sinnereignis zu deuten und nach dem
genauen Verhältnis zwischen vorgängig Erlebtem und nachträglich Bezeugtem zu fragen. Als Sinnereignis
wird im „ Anschluss an die jüngere phänomenologische Diskussion […] »das Aufkommen eines neuen
Sinns in einem Bildungsprozess« bezeichnet, »der sich der Verfügungsgewalt des Bewusstseins in
wesentlichen Momenten entzieht«. Sinnereignisse haben Widerfahrnischarakter. Sie durchkreuzen
Erwartungen und eröffnen überraschende Zusammenhänge. In der Kontinuität des Erfahrungsprozesses
bilden sie irritierende und kreative Bruchstellen. Sie unterscheiden sich von reflexiver Sinngebung. Der Sinn,
der sich in ihnen auf spontane Weise erfahrungshaft erschließt, läuft aller aktiven Sinngebung voraus und
macht diese erst möglich“ (Simon Peng-Keller S. 6 f.). „Sofern es zutrifft, dass visionäres Erleben auf
Todesnähe antwortet, ist damit zu rechnen, dass diese auf vorbewusste Weise wahrgenommen wird. Das
Verhältnis zwischen widerfahrener Todesnähe und darauf antwortendem visionärem Erleben gleicht jenem
zwischen wachbewusstem Erleben […] und dem darauf antwortenden Traumerleben […]. Die Vermutung,
dass es einen funktionalen Sinn erfüllt, bedeutet nicht, zu meinen, damit schon alles […] gesagt zu
haben“ (Simon Peng-Keller S. 73). „Die Frage nach dem Sinn des Erlebten tritt […] hinter jener nach
möglichen Ursachen und Funktionen zurück: […] So wie mit neurowissenschaftlichen Erklärungen des
Traumerlebens die Frage nach dem inhaltlichen Sinn bestimmter Träume noch nicht beantwortet ist, so
greifen auch analoge Interpretationen visionären Erlebens zu kurz. Es fehlt ihnen der Sinn für seine
Bedeutungsdichte und Vieldeutigkeit“ (Simon Peng-Keller S. 65). Damit verliert der sattsam bekannte
weltanschauliche Streit um die höhere Deutungskraft von neurologischen und psychologischen,
parapsychologischen, von der kulturellen Umwelt her argumentierenden und von religiösen Erklärungen an
Gewicht.

Sinnereignisse gründen auf dem von Bildern erzeugten Sinn. „Bilder erzeugen Sinn, indem sie Differenzen
bilden und Atmosphären schaffen […]. Bilder haben ihr Sinngeheimnis in einer ikonischen Differenz. Sie
lassen etwas als etwas erscheinen. Sie machen es präsent, indem sie es gegenüber anderem hervortreten
lassen. Deshalb kann man sagen: »Bilder sprechen nicht, sondern sie zeigen, sie machen sichtbar, lassen
sehen«. Darin sind sie höchst kreativ: Sie formen Erlebtes um, halten Widersprüchliches zusammen,
synthetisieren verschiedenartige Erfahrungswelten und lassen so neue Wirklichkeiten entstehen. Bedeutsam
ist […] nicht allein das, was sie ins Licht stellen, sondern ebenso, was sie im Hintergrund lassen. Dem
Unbestimmten wohnt eine eigene Kraft inne, von der auch jenes lebt, was im Vordergrund steht und klar
bestimmt ist“ (Gottfried Boehm / Simon Peng-Keller S. 82 f.). Man kann deshalb Sinnereignisse mit Hubert
Knoblauch als gelebte Allegorien betrachten. „Was den Menschen in Todesnähe widerfährt, so sein Gedanke,
folgt narrativen und symbolischen Mustern“ (Simon Peng-Keller S. 84).

So hat eine Diakonisse ein paar Monate vor ihrem Tod von einem Traum berichtet, „den sie nachdrücklich
für ein Nahtoderlebnis hielt: Darin habe sie einen ganz dürren, schwankenden Baum mit sehr vielen Ästen
erklettern müssen. Sie sei dabei von zahlreichen präsenten, aber unsichtbaren Wesen begleitet worden.
Schnell habe sie gemerkt, dass jede neue Astlage auf dem Baum eine Station ihres Berufs- und
Berufungslebens als Diakonisse darstellte. Bei jeder dieser Stationen sei sie laut und deutlich gefragt worden:
Hast du hier noch etwas gut zu machen, zu klären oder zu vergeben? Wenn nicht, dann klettere weiter voran
und hinauf. Als sie mit viel Anstrengung, Schmerz und zerkratzten Gliedern ganz zuoberst angekommen sei,
habe sie sich in einer leuchtenden Wärme, in einer ganzheitlichen Schwerelosigkeit und absoluter Liebe
wiedergefunden. Seither habe sie vor nichts mehr Angst. Alles sei klar und leicht“ (Visionärer Rückblick auf
die eigene Berufs- und Berufungsgeschichte nach Simon Peng-Keller S. 159).

ham, 10. Juni 2017
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