Publikation zu den gleichnamigen Ausstellungen vom 16. 03. bis 19.5.2013 in der Nikolaj Kunsthal , Kopenhagen und von 22.06. bis 22.09.2013 im Haus am Waldsee, Berlin, herausgegeben von Katja Blomberg mit Texten unter anderen von Boris Groys, Solvej Helweg Ovesen und Peter Tudvad
Nikolaj Kunsthal Kopenhagen, Haus am Waldsee Berlin, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2013, ISBN 978-3 – 86335-376-6, 147 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen, Klappenbroschur, Format 27 × 18 cm, € 24.- (Museumsausgabe)
Der dänische Theologe, Philosoph und Schriftsteller Sören Kierkegaard gilt mit seiner Betonung der Notwendigkeit der Selbst-Wahl in Entscheidungssituationen als einer der Väter der Existenzphilosophie. Das Gefühl subjektiver Freiheit wird für ihn mit Angst erkauft. „Was aber ist… mein Selbst? … Es ist das Abstrakteste… Doch es ist zugleich das Konkreteste von allem… Es ist die Freiheit“ „Was wird die Zukunft bringen? Ich weiß es nicht… Dieses Leben ist ein verkehrtes und schreckliches, nicht zum Aushalten“ (Sören Kierkegaard). Kierkegaard hat Martin Heidegger, Karl Jaspers, Jean-Paul Sartre und Albert Camus ebenso beeinflusst wie Rudolf Bultmanns existentiale Interpretation und die Existentialtheologie. Rainer Maria Rilke und Franz Kafka sind von seinem Lebensentwurf ebenso fasziniert wie Max Frisch und Simone de Beauvoir. Schließlich beruft sich auch der Dekonstruktivismus auf Kierkegaard.
Die Nikolaj Kunsthal in seiner Heimatstadt Kopenhagen und das Haus am Waldsee in Berlin haben seinen 200. Geburtstag zum Anlass genommen, internationale Künstler einzuladen und sie gebeten, sein Frühwerk Entweder/Oder in eigenen Arbeiten zu spiegeln. Für Katja Blomberg und Elisabeth Delin Hansen ist die Überlegung zentral, dass sich die Notwendigkeit der Wahl zur Wahl in der heutigen Multioptionsgesellschaft vervielfacht. „ << Tu es oder tut es nicht, du wirst beides bereuen.<< Im Licht der postmodernistischen, multiplen Möglichkeiten und fragmentierten Wahrnehmungen im 21. Jahrhundert betrachtet, wirken diese Gedanken heute stärker nach, als es sich der Philosoph jemals erträumen konnte. Die Ausstellung spiegelt diese existenzialistische Situation, mit der sich Zeitgenossen heute ebenfalls auseinandersetzen. Sie zeigen aber auch, inwieweit das multiplizierte Wahl-Dilemma unserer medial vernetzten Welt zum Problem werden kann“ (Katja Blomberg, Elisabeth Delin Hansen).
Die zur Ausstellung eingeladenen Künstler denken die in den beiden Teilen von Entweder/Oder vorgestellten ästhetisch-hedonistischen und bürgerlich-ethischen Lebensentwürfe weiter. So spielt Tal R in seinen phallischen Objekten Kiergegaards Frage durch, ob nur die Vernunft getauft ist, die sinnliche Leidenschaft aber heidnisch bleiben muss. Birgit Brenner erzählt vom alltäglichen Scheitern von Paarbeziehungen und bestätigt damit Kierkegaards Aphorismus „Heirate, du wirst es bereuen; heirate nicht, du wirst es auch bereuen; heirate oder heirate nicht, du wirst beides bereuen“. Der Fotograf Pieter Hugo stellt Jugendliche aus Accra, Ghana vor, die ihr Überleben durch das Verbrennen von Elektronikschrott zu sichern versuchen und sich dabei vergiften. „Es entsteht eine Situation, in der der digitale Fortschritt wie ein << permanent error >> zu Vergiftung und Ausweglosigkeit führt“. Kerry Tribe filmt ein Interview, das ein Vater mit seiner zehnjährigen Tochter führt. „Dabei geht es um grundlegende philosophische Fragen, die um Themen wie Erinnerung, Zeit, Raum, Körper und Sinn kreisen… Es wird deutlich, dass das Mädchen damit zu kämpfen hat, die komplexen Fragen zu verstehen… Gleichzeitig findet sie auf intuitive Weise überraschend überzeugende Antworten. So wird offensichtlich, dass sich der Mensch schon als Kind ins Verhältnis zu Zeit, Raum und Selbst setzt. Kierkegaard war einer der ersten Philosophen, der im 19. Jahrhundert darauf hinwies, dass es die Aufgabe jedes einzelnen ist, seine … eigene Wahrheit zu finden“.
In dem komplex angelegten Katalog zur Ausstellung kommt auch Boris Groys zu Wort. Er feiert Kierkegaard als einen Denker, der mit der trivialen Existenzform ins Reine kommen will. „Insofern man Teil des belanglosen Lebens ist und man es zugleich ernst nimmt, wird man nur noch leiden. In dem Augenblick jedoch, in dem man davon loskommt, innerlich Abstand dazu hat, beginnt man es zu genießen. Das ist es, was dann zum Standardverfahren der modernen und zeitgenössischen Kunst wurde. Für mich sind in der modernen Kunst Marcel Duchamp… und Andy Warhol die Nachfahren Kierkegaards. Warhol sagte ebenfalls: << Ich existiere nicht in der Welt. Schaue ich in den Spiegel, so erblicke ich niemand“. Aus dieser Perspektive kann man Gefallen an den trivialen Dingen finden, weil man nicht Teil von ihnen ist. Man kann alles im Leben genießen, weil man nicht dazugehört. Man ist wie ein Besucher auf einem vollkommen unverständlichen Planeten. Man hat sich derart durch und durch von der Welt entfremdet, dass man diese Welt zu genießen anfängt… Das ist exakt die Situation von Entweder-Oder“ (Boris Groys). Groys grenzt sich dann allerdings scharf von der These ab, dass sich die von Kierkegaard geforderte Wahl der Wahl in der Postmoderne exponentiell steigere. Für Groys werden von Kierkegaard heute die Ästhetisierung des Alltags und die Existenzform der persönlichen Obsession übernommen. „Folglich halte ich ihn nicht für postmodern. Überhaupt glaube ich nicht, dass die Postmoderne existiert oder jemals existiert hat. Meiner Meinung nach handelt es sich um eine Form des Historismus… Diese Historismuswellen waren immer Phasen des Durchatmens, der Entspannung. Heute sind die Menschen jedoch nicht mehr sehr müde; sie sind viel dynamischer und unglücklicher. Sie sind wesentlich unglücklicher als noch vor ungefähr 20 Jahren. Die Postmoderne war demnach eine Art glücklicher Erschöpfung. Nach dem Ende des Kommunismus und des Kalten Krieges fingen die Menschen jedoch an, immer unglücklicher zu werden, und sie werden auch in Zukunft immer unglücklicher werden. Mit dieser Art von entspanntem ästhetischem Spiel haben sie nichts im Sinn…“(Boris Groys). Groys folgt damit der Kritik des Existenzialismus durch den Strukturalismus. „Sie besagt, dass es uns unmöglich ist, zu wählen, zu entscheiden, weil wir immer bereits da sind. Wir können uns nicht selbst wählen, weil wir uns nicht von uns selbst distanzieren können. Darum sind wir so unglücklich. Wir
sind unglücklich, weil wir an den Strukturalismus glauben. Wir glauben nicht an Kierkegaard, wohl aber glauben wir, dass wir einfach hier sind, weil wir hier sind. Wir können uns nicht selbst wählen, wir sind einfach, wie wir sind“ (Boris Groys).
Das ambitionierte Kierkegaard – Projekt wäre noch wesentlich runder geworden, wenn dem u. a. von Heiko Schulz stark gemachten Aspekt von Kunst als Verführung durch Gott eigens nachgegangen worden wäre und damit der für Kierkegaard zwingenden Verbindung von Ästhetik, Ethik und Religion. Nach Schulz ist es „Gott selbst, der den Menschen zur und in die Ästhetik des Daseins verführt, mit dem Ziel, ihn << Geschmack an der Idee>> (des Gottesverhältnisses) finden zu lassen und eine Liebe zu ihm, dem Verführer, zu begründen, in dem sich der Einzelne durch ethisch-religiöse Konflikte hindurch gewissermaßen als Romanfigur…bzw. Schauspieler… einer göttlichen Poesie wiedererkennen und akzeptieren soll…K.s gesamter Textkorpus ist… nichts anderes als das reflexive Medium dieses Verführungsvorgangs. Das …verführte Subjekt wird so auf sich selbst bzw. die subjektiv interessierte Frage nach der (Un-) Wahrheit des eigenen Gottesverhältnisses – ästhetisch formuliert: nach der Form-Inhalt-Synthese im eigenen Dasein- zurückgeworfen“ ( Heiko Schulz, Sören Aabye Kierkegaaard. In: Julian Nida – Rümelin, Monika Betzler, Ästhetik und Kunst Philosophie, Stuttgart 1998, Seite 465f.)
ham, 7.10.2013

Download: Sören Kierkegaard, Entweder/Oder im Spiegel zeitgenössischer Kunst

 

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