Verlag Antje Kunstmann, München 2016, ISBN 978-3-95614-096-9,108 Seiten, Klappenbroschur, Format
20,5 x 13,1 cm, € 10,00 (D) / € 10,30 (A)

Stefan Mancuso ist als Pflanzenneurobiologe mit seinem Buch über die Intelligenz der Pflanzen bekannt
geworden. In seinem Bestseller legt er unter anderem dar, dass 99,7 % der Biomasse des Planeten aus
Pflanzen besteht, dass wir ohne Pflanzen, die uns mit Nahrung, Energie und Sauerstoff versorgen, nicht leben
könnten und dass wir sie trotzdem allzu lange als Lebewesen niederer Ordnung betrachtet haben. Dabei
haben sie in Wahrheit neben den fünf Sinnen, die wir Menschen kennen, weitere Sinne entwickelt: So
können sie neben Wasser und Mineralien auch elektromagnetische Felder erspüren und sich über ihre
Wurzeln riesige Netzwerke erschließen. Sie „spielen“ in ihrer Jungend wie Kinder, bewegen sich, gehen zu
Pflanzen und Tieren Beziehungen ein, wehren Feinde ab und können schlafen.

Carlo Petrini hat 1989 aus Protest gegen die Eröffnung einer McDonald’s – Filiale auf der von antiken und
barocken Gebäuden umgebenen Piazza Navona in Rom die internationale Slow Food- Bewegung gegründet
und 2004 das Agrarnetzwerk Terra Madre initiiert. Er setzt sich für lokale Netzwerke von Bauern, Fischern,
Köchen, Wirten und Konsumenten ein, die regionale Produkte zu schmackhaftem Essen verarbeiten und
internationalen Nahrungsmittelkonzernen die Stirne bieten, die in abgeholzten lateinamerikanischen
Regenwäldern Rinder züchten und Soja anbauen und auf mit Meerwasser geflutetem fruchtbarem Ackerland
in Indien oder in Bangladesch Garnelen züchten. Wie Mancuso geht er davon aus, dass ein Hamburger nur
deshalb für drei Euro verkauft werden kann, weil andere Bewohner des Planeten für die restlichen zehn Euro
der Produktionskosten aufkommen und in den Preis die Gesamtumweltbilanz nicht eingerechnet ist.

Beide fragen sich, wie die heute rund 7,4 und 2050 wohl 9 oder 11 Milliarden Menschen auf unserem
Planeten so ernährt werden können, dass keiner mehr hungern muss. Beide wollen das bisherige
Wachstumstheorem kippen, beide die immer noch herrschende Anthropozentrik durch eine biophile, die
Schönheit und Fruchtbarkeit des Gartens Eden bewahrende Form des Umgangs mit dem Ökosystem ablösen
und beide setzen sich für eine Ethik der Natur ein. „Wenn unser Verhältnis zur Natur, zur Schöpfung nicht
länger auf Ausbeutung, sondern auf Wohlwollen beruhen würde, dann würden alle davon profitieren […].
Wir müssen wieder ein Gleichgewicht zwischen uns und der Natur herstellen“ (Stefano Mancuso S. 15).
„Als Gastronom kann ich unsere tägliche Nahrung in ihrer zentralen Bedeutung nicht von dieser Ethik
ausnehmen. Die Achtung gegenüber anderen Lebewesen, gegenüber den Pflanzen gebietet auch, uns in
unserer wechselseitigen Beziehung zu den Nahrungsmitteln – die wir zu uns nehmen und dank derer wir
überhaupt leben – verantwortungsbewusster und weniger ausbeuterisch zu verhalten“ (Carlo Petrini S. 16).
Beiden geht es schließlich um die Erhaltung der Vielfalt der Arten.

Nach Petrini haben Millionen von Landwirten, Viehzüchtern und Fischer ein ganzheitliches und
unmittelbares Verständnis davon, was Mensch und Erde verbindet. „Sie haben nämlich den Weg beschritten,
der die Lebewesen mit der Erde versöhnt: Dort wird der Kampf um das Recht auf Nahrung und um die
Bewahrung der biologischen Vielfalt geführt, und diese Menschen wissen das. Und gleichzeitig sind sie die
Hüter eines empirischen Wissens – das […] von Generation zu Generation weitergegeben und laufend durch
Erfahrung verfeinert wird […]. Ich glaube […], nur durch eine ganzheitliche Sicht können wir den
angeblichen Widerspruch zwischen Wissenschaft einerseits und traditionellem Wissen andererseits auflösen“
(Carlo Petrini S. 19). Beide halten das Essen für einen landwirtschaftlichen, ökologischen und politischen
Akt. Das, was wir essen, bestimmt in weiten Teilen, „wie wir die Erde nutzen – und was aus ihr
wird“ (Stefano Mancuso S. 23). Deshalb geht es ihnen darum „die Langlebigkeit oder Widerstandsfähigkeit
von Ressourcen“ sicherzustellen (Carlo Petrini S. 24), die Langsamkeit als Tugenden und die Langlebigkeit,
Modularität und biologische Vielfalt der Pflanzen als Chance zu entdecken.

Das in dem schmalen Band aufgezeichnete anregende Gespräch zwischen Mancuso und Petrini kann die
Sensibilität für das fragile In- und Miteinander von Ökosphäre und Überleben der Menschheit zweifellos
befördern. Es kann auch die Hoffnung befeuern, dass der „Austausch zwischen der Gastronomie der
Befreiung und der Pflanzenbiologie zu einer neuen Sicht auf die Welt führen“ kann, „durch die wir uns von
unseren überholten Paradigmen lösen und unsere Nahrung und deren Erzeugung zum Mittelpunkt eines
wahrhaft humaneren Projekts machen können“ (S.7). Aber ohne einen politischen Diskurs über eine
gerechtere Verteilung der vorhandenen Güter und Nahrungsmittel und einen verbindlich ausgehandelten
Ausgleich zwischen den Machtblöcken, die deren Verteilung steuern, wird die Welternährungskrise wohl auf
absehbare Zeit nicht gelöst werden können.

ham, 7. Februar 2017

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