Mrz 21

Teresa Margolles: En la herida

Von Helmut A. Müller | In Katalog, Kunst

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung vom 24. November 2019 bis 23. Februar 2020 in der Kunsthalle Krems, herausgegeben von Florian Steininger mit Texten von Oscar Gardea Duarte, Teresa Margolles, Maria Chiara Wang und dem Herausgeber

Hirmer Premium, Hirmer Verlag München, 2020, ISBN 978-3-7774-3484-1, 112 Seiten, 50 Abbildungen in Farbe, Klappen- und Schweizer Broschur mit sichtbarer schwarzer Fadenheftung, Format 21,5 x 16,5 cm,

€ 28,00 (D) / € 28,00 (A) / CHF 24,80

Eros, Gewalt, Tod und Materialien, die mit diesen Themen konnotiert werden, sind im Werk der 1963 in Culiacán, Sinaloa, Mexiko geborenen und heute in Mexiko-Stadt lebenden Künstlerin Teresa Margolles allgegenwärtig. Sie hat als diplomierte Gerichtsmedizinerin Kommunikationswissenschaften studiert und 1999 bei einem viermonatigen Studienaufenthalt in Cali, Kolumbien nach zahllosen Gesprächen mit Leuten auf der Straße ein Trottoir aufgerissen und dazu eingeladen, Objekte in die Grube zu legen, die mit Gewalt zu tun haben. In die Grube kamen Briefe, Schallplatten, eine Trompete, Gewehr- und Pistolenkugeln; ein Junge legte den Gürtel seines Vaters hinein, mit dem er geschlagen worden war. Nach acht Stunden wurde die Grube zubetoniert. Heute ist dieser Straßenabschnitt ein Denkmal.

In ihrer Ausstellung im MMK Frankfurt im Jahr 2004 ließ Margolles in den Luftbefeuchtern Wasser aus einem Leichenschauhaus verdampfen, mit dem die Leichen vor der Autopsie gewaschen worden waren (vergleiche dazu https://collection.mmk.art/de/nc/werkdetailseite/?werk=2003%2F134). An ihrer Arbeit ›Catafalco‹, 1997, haftet organisches Material der Leichen, von denen die Gipsabdrücke abgenommen worden sind (vergleiche dazu https://collection.mmk.art/de/nc/werkdetailseite/?werk=2004%2F51L). Mit ihrer Installation ›Pesquisas (Inquiries)‹, 2016, 30 color prints of photographs of street signs showing missing women that cover the walls of Ciudad Juarez, Mexico from the nineties until today errinnert sie an Tausende von Frauen, die in Mexiko verschwunden sind und die man mit ihren Bildern auf Pappschildern und näheren Angaben vergeblich gesucht hat (vergleiche dazu https://www.peterkilchmann.com/artists/teresa-margolles/overview/pesquisas-inquiries-2016). Vor ihrer auf der Biennale in Venedig 2019 gezeigten Wand aus Betonblöcken aus einer öffentlichen Schule ›Muro Ciudad Juárez‹ ist es 2010 zu einer Abrechnung mit vier Personen gekommen, die in die organisierte Kriminalität verwickelt waren (vergleiche dazu https://universes.art/de/biennale-venedig/2019/fast-tour-2/teresa-margolles).

Im Zentrum ihrer in der Kunsthalle Krems gezeigten Ausstellung und des dazu erschienenen hochwertigen Katalogs stehen Transgender-Prostitution und Migration. „Die Galerieräume der Kunsthalle Krems sind in Separees verwandelt, ausgelegt mit einem roten Teppich und mit Perlenvorhängen voneinander getrennt. Die Stimmung ist kontemplativ und zugleich intim wie in einem Nachtclub. Aus einem solchen Klub hat Teresa Margolles einen ornamentalen Spiegel entnommen (vergleiche dazu https://dailyartfair.com/exhibition/5471/teresa-margolles-galerie-peter-kilchmann) […].›Espejos de la barra del club »RUV« ‹ (2016) ist ein Readymade aus diesem Spiegel, der an der Bar im Nachtclub »RUF« angebracht war. Der Nachtclub befand sich im Rotlichtviertel La Mariscal, das vor einigen Jahren geschleift wurde. Die Überreste der abgerissenen Gebäude sind in der Serie ›Pistas de Baile‹ (2016 zu) sehen“ (Florian Steiniger S. 12). Auf den ausgegrabenen ehemaligen Tanzflächen posieren Transgender-Sexarbeiterinnen (vergleiche dazu https://www.peterkilchmann.com/artists/teresa-margolles/overview/pista-de-baile-del-club-mona-lisa-dance-floor-of-the-club-mona-lisa-2016, https://www.peterkilchmann.com/artists/teresa-margolles/overview/pista-de-baile-del-nightclub-irma-s-dance-floor-of-the-nightclub-irma-s-2016 und https://www.peterkilchmann.com/artists/teresa-margolles/overview/pista-de-baile-de-la-discoteca-virginia-s-dance-floor-of-the-discotheque-virginia-s-2016).

Ein eigenes Kapitel ist der am 22. Dezember 2015 im Alter von 64 Jahren zu Tode geprügelten Transgender-Sexarbeiterin Karla gewidmet (vergleiche dazu https://www.peterkilchmann.com/artists/teresa-margolles/overview/karla-hilario-reyes-gallegos-2016). Ihr Mörder wurde nie gefunden.

Die Arbeit ›La Gran América‹, 2016 (vergleiche dazu https://www.peterkilchmann.com/artists/teresa-margolles/overview/kunsthalle-krems-austria-2019) besteht aus 1000 von einem lokalen Kunsthandwerker von Hand mit traditionellen Techniken aus Lehm geformten, gebrannten und polierten Ziegelsteinen. Der Lehm stammt aus dem Flussbett des Rio Bravo, der als natürliche Grenze Ciudad Juárez (Mexiko) von El Paso (USA) trennt. Die Größe und die Form der Ziegelsteine (9 x 9 x 4 cm) ist an die von Günter Demnig  entwickelten Stolpersteine angelehnt, die an in der Zeit des Nationalsozialismus vertriebene und ermordete Juden erinnern (vergleiche dazu http://www.stolpersteine.eu/start/ und https://www.stimme.de/heilbronn/nachrichten/stadt/lokales/17-weitere-Stolpersteine-in-Heilbronn-verlegt;art140895,4216693).

ham, 21. März 2020

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