Herausgegeben von Carla Burani und Beat Wismer. Mit einem Vorwort von Carla Burani und Beiträgen von Demostenes Davvetas, Rolf Winnewisser und Beat Wismer sowie einem Gedicht von Martin Disler

Kirchner Museum Davos und Verlag Scheidegger & Spiess AG Zürich, 2021, ISBN 978-3-85881-699-3, 144 Seiten, 90 farbige und 1 s/w Abbildung, Broschur mit Schutzumschlag, Format 27,5 x 20,5 cm, € 29,00 / CHF 35,00

Der 1949 geborene und 1996 mit 47 Jahren verstorbene Autodidakt Martin Disler gehörte in den 1980er Jahren zu den bekanntesten und international gefeierten jungen Schweizer Zeichnern und Malern (vergleiche dazu etwa https://www.sikart.ch/KuenstlerInnen.aspx?id=4000226 und https://www.wikiart.org/de/martin-disler). Die vom Kirchner Museum verantwortete

Einzelausstellung mit bisher weitgehend unbeachteten Arbeiten aus seinen letzten Lebensjahren basiert auf dem Wunsch, „eine produktive Phase, die der Künstler nie abschließen konnte, zu interpretieren und zu bewerten. Die im Nachlass von Martin Disler in Basel durchgeführten Recherchen haben eine große Anzahl unveröffentlichter Werke und Schriften von hoher Qualität aus den Jahren 1986 – 1996 ans Licht gebracht. Dazu gehören groß- und kleinformatige Monotypien und Zeichnungen. In ihnen entdecken wir die Komplexität von Dislers innovativen und ungewöhnlichen technischen Forschungen sowie die Wechselwirkung der verschiedenen Gattungen in dieser produktiven Phase des Experimentierens. Ein ähnlicher multimedialer Umgang mit einzelnen Sujets findet sich auch im Werk von Ernst Ludwig Kirchner“, das durch den fast 70 Jahre jüngeren neuwilden Neoexpressionisten neu interpretiert wird (Carla Burana S 11).

Inhaltlich stehen Liebe und Sex, Zorn und Zärtlichkeit, Krieg und Gewalt, Krankheit und Tod und immer wieder der eigene Körper im Zentrum von Dislers vielfältigem Werk. Sein in einem Skizzenheft in großer Eile festgehaltener und in seiner Erstfassung korrigierter Satz „als ich dem Körper den kleinen Finger gab, nahm er die ganze Hand“ leitet den in jeder Hinsicht gelungen Katalog ein: Er steht noch vor der titelgebenden Arbeit ›Theater des Überlebens‹ von 1995 (vergleiche dazu https://www.sikart.ch/werke.aspx?id=10768067) und könnte ein alternativer Titel sein. Seine Ölmalerei ›Garten der Lüste‹ von 1986 (vergleiche dazu https://www.sikart.ch/werke.aspx?id=10768067) hatte seine Werkgruppe der Ölmalereien aus den mittleren 1980er Jahre abgeschlossen.

Es ergibt aber durchaus auch Sinn, die Werkauswahl der späten Jahre mit diesem »Abschlussbild« zu beginnen: Disler hatte 1985 in Paris eine erste umfangreiche Serie von Aquarellen und 1986 nach dem Umzug ins Oberengadin mit dem Kupferdrucker Peter Kneubühler in Zürich zu arbeiten begonnen. Ab 1987 entstanden Plastiken aus Holz, Gips und weiteren Materialien. 1988 haben Disler und Irene Gundel ein abgelegenes Bauernhaus in Les Planchettes im Neuenburger Jura gekauft. Dort entstanden unter anderem großformatige, teils mehrfarbige Holzschnitte, Plastiken, Objektmontagen (vergleiche dazu https://www.sikart.ch/werke.aspx?id=10951486), der Zyklus ›Trios und Quartette‹, kleine Aquarelle und die ›rotlinierte Kladde‹ mit dem Gedicht ›Carnivora‹. Es schildert erotisch-sexuelles Erleben und erinnert an den Genozid an den Tutsi in Ruanda. Die zweite Fassung des Gedichts wird in ›Theater des Überlebens‹erstmals publiziert. In seinem Atelier in Lugano entstand zwischen 1990 und 1991 die Skulpturengruppe ›Häutung und Tanz‹ (vergleiche dazu https://skulpturenpark-waldfrieden.de/ausstellungen/aktuell/detailansicht/martin-disler-haeutung-und-tanz.html).

Seine Malerei ›Tanzauge‹ (vergleiche dazu https://www.sikart.ch/werke.aspx?id=12078340) ist sein letztes Gemälde überhaupt und darüber hinaus ein allegorisches Selbstbildnis. Der Maler rührt auf der linken Seite mit Pinseln in beiden Händen in einem Topf mit grüner Farbe. Er könnte aber auch der Trommler sein, der mit den Stöcken den Rhythmus zu der Musik schlägt, zu der die Nackte auf dem Podest in der Bildmitte tanzt. „Aber wir dürfen auch in der Tänzerin ein übertragenes Selbstbildnis von Martin Disler erkennen, der lange vorher schon zu seiner Transidentität geschrieben hatte: ›Im Malen selbst spüre ich deutlich, dass ich selber geschlechtlich im Fliessen bin zwischen männlich und weiblich.‹ 

Der Maler/Trommler ist also die Figur, welche die Frau zum Tanz antreibt, gleichzeitig ist er ebenso selbst die zum wilden Tabledance angetriebene Frau: So wäre er also die vielfältige Künstlerfigur, die sich selbst antreibt. Wir wissen, dass Disler sich oft in stundenlangem Tanzen in Trance steigerte und sich dann in diesem Rausch an die Malerei machte. Aber auch dies: Die Tanzende ist zugleich die Ausgestellte, die zur Schau Gestellte. Sie versetzt sich in Trance, gleichermassen treibt sie das Publikum und das Publikum sie an. Dieses will von der Tanzenden ebenso wie vom Künstler unterhalten, erregt und auch befriedigt werden. Der Maler als die zur Schau gestellte, als die vom erhitzten Kunstbetrieb vor sich her getriebene und gehetzte, entblösst und nackt auf einem Sockel sich verausgabende nackte Figur: Genau darum ging es in Martin Dislers so wichtigem Buch ›Bilder vom Maler‹ von 1980, das er in kürzester Zeit während der Vorbereitung seiner so wichtigen Ausstellung ›Invasion durch eine falsche Sprache‹ gehetzt niederschrieb. Mit dem ›Tanzauge‹, diesem Schlüsselwerk nicht nur für das späte, sondern für das ganze Werk Dislers, schliesst sich der Kreis“ (Beat Wismer S. 43 f.).

ham, 30. August 2021

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