Herausgegeben von Katharina Bosse mit Texten von Katharina Bosse, Bernhard Gelderblom, Gerwin Strobl, Beata Wielgosik, Stefan Wunsch und künstlerischen Arbeiten von Katharina Bosse, Rebecca Budde de Cancino, Doug Fitch, Jan Merlin Friedrich, Jakob Ganslmeier, Andrea Grützner, Rebecca Hackemann, Konstantin Karchevskiy, Hendrik Lüders, Daniel Mirer, Felix Nürmberger, Ralph Pache, Abhijit Pal, Philipp Robien, Jewgeni Roppel, Simon Schubert, Kuno Seltmann, Erica Shires, Thomas Wrede

Kerber Culture, Kerber Verlag Bielefeld, 2020, ISBN 978-3-7356-0693-8, 252 Seiten, 164 farbige und 56s/w Abbildungen, Hardcover, Format 30 x 24 cm, € 45,00 / CHF 55,26

Zwischen 1933 und 1936 wurden die heute kaum mehr bekannten sogenannten Thingstätten (vergleiche dazu  

https://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/sendungen/thingstaetten-102.html) als propagandistische Versammlungsorte unter freiem Himmel gebaut, an denen die Idee der Volksgemeinschaft inszeniert und an ein imaginäres Germanentum angeknüpft werden sollte. 400 waren geplant, etwa 60 wurden errichtet und sind heute noch in Deutschland, Polen und Russland auffindbar. Auf den Thingstätten sollte in Thingspielen an die Deutsche Geschichte erinnert und Kundgebungen und Feiern der NSDAP, aber ursprünglich auch Gottesdienste abgehalten werden.

Die Idee der Thingspiele entstand gegen Ende der Weimarer Republik in den Köpfen einer kleinen Gruppe von Theaterbesessenen, die die Wiedergeburt des Freilichttheaters als Volksschauspiel anstrebten und „es verstand, im Sog der ›nationalen Revolution‹ des Jahres 1933 ihr persönliches Steckenpferd zu einem ›reichsweiten‹ Gemeinschaftsanliegen zu machen“ (Gerwin Strobl, Die »Volksgemeinschaft« unter freiem Himmel, S. 18). Zu dieser Gruppe gehörte der Theaterwissenschaftler Carl Hubert Niessen (1890 – 1969; vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Niessen), der Ende 1933 den Ausdruck Thingspiel erfand, der Musikwissenschaftler, Regisseur und Intendant Hanns Niedecken-Gebhard (1889 – 1954; vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Hanns_Niedecken-Gebhard), der Schriftsteller, Dozent der Münchner Volkshochschule und Förderer des modernen Ausdruckstanzes Hans Brandenburg (1885 – 1968) und der Journalist, Architekt und Direktor des katholischen Bühnenvolksbundes Wilhelm Carl Gerst (1887 – 1968). 

Die Thingspielbewegung bot dem neuen Regime die Möglichkeit, „auch die Kulturlandschaft auf spektakuläre Weise zu prägen. Begeisterungsfähige Laien und politische Förderung durch das NS-Regime ergänzten sich dabei. – Es kam in kürzester Zeit zu einer regelrechten Thingeuphorie. In ganz Deutschland entstanden Spielgemeinschaften, die Laiendarsteller ausbildeten, Stücke einstudierten und für den ›Thingspielgedanke‹ warben […]. Architektonische Entwürfe für künftige Spielstätten folgten bald […]. Auf Gemeindeebene überboten sich die NS-Funktionäre in ihrem Eifer, diese Pläne umzusetzen […]. Die an sich unabhängig von der NSDAP entstandene Thingbewegung profitierte dabei von der Mobilisierungsfähigkeit der Partei, ein Großaufgebot an Unterstützern auf Ortsebene in Marsch zu setzen […]. Überall […] stand die SA in Bataillonsstärke zur Verfügung, während die Hitlerjugend den ideologischen Nachwuchs aufbot. Die Massenszenen der Thingspiele wären ohne die dazu abkommandierten Parteiformationen oft schwer zu inszenieren gewesen. Das Heer der Arbeitslosen, die mehr oder minder freiwillig in Robert Leys ›Freiwilligen Arbeitsdienst‹ (FAD) eintraten, ließ die Zahl an verfügbaren Thingdarstellern weiter ansteigen. Außerdem bot der freiwillige Arbeitsdienst kostengünstige, genügsame Arbeitskräfte zum Bau der neuen Thingstätten“ (Gerwin Strobl, a. a. O. S. 17).

Auch wenn Thing eine Bewegung des Theaters war, geschah die Gestaltung des Tingtheaters zunächst im Raum und dann erst in der Sprache. Zuschauer und Protagonisten sollen nicht länger von den Protagonisten getrennt werden. „Nach der Vorlage antiker Amphitheater wölbte sich die Bühne in den Zuschauerraum, der diese wiederum an den Seiten umschloss, und damit die Ebenen von Schauraum und Spielraum ineinander verschob. Die Typologie der deutschen Amphitheater von 1933 sah eine dreiteilige Gliederung der Bühne und einen gerundeten Zuschauerraum vor, der von breiten Treppen durchzogen war. Es gab keine Trennung durch einen Vorhang, die Darsteller bewegten sich zu Beginn oder auch während der Vorstellung durch das Publikum hindurch. Der Chor […] erforderte eine eigenen Choreographie, um auf der weiten Anlage seine Wirkung zu entfalten. Häufig gab es einen vorgelagerten Aufmarschierplatz […]. Ein Ehrenmal zum Andenken an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs ergänzte oft den weihevollen Charakter […]. Das Publikum wurde dazu angehalten, »andächtig« und eher in Form eines Gottesdienstes dem Geschehen zu folgen, also nicht zu klatschen, Operngläser zu verwenden oder sich sonst wie als »Zuschauer« zu benehmen“ (Katharina Bosse, Thingstätten, S.9). Die Anreise und der Weg zur Thingstätte war schon Teil der Inszenierung. Die „Natur ersetzt das Bühnenbild, nicht nur im sinnlichen Erleben, sondern auch in der Symbolik (Der deutsche Wald, Bäume wie ein Heer, etc.). Die Bergketten oder Ausblicke über das Tal wurden zum Bestandteil der ästhetischen Empfindung auf einer Thingstätte, die mit ihren Natursteinen und der zeitlosen Formensprache so wirkte, als sei sie schon immer da gewesen“ (Katharina Bosse, S. 9). 

Dass die anfänglich von Goebbels unterstützte Bewegung schon 1935 ihren Reiz verlor, liegt einmal am Tod von Otto Laubinger (1892 – 1935, vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Laubinger), ihrem Protagonisten in der Reichstheaterkammer, zum anderen an noch größeren Plänen wie den Stadionbauten für das Olympiagelände in Berlin oder das geplante größte Stadion der Welt für 400 000 Zuschauer in Nürnberg und zum Dritten an der zunehmenden Abgrenzung der Nazipropaganda vom Kultischen und der Germanenmystik und Goebbels Verbot des Begriffs „Thing“ im Oktober 1935. 

In Heidelberg hat sich die Thingstätte nahezu vollständig erhalten (vergleiche dazu https://thingstaetten.info/de/thingstaetten/heidelberg-d/#&gid=1&pid=1 und https://thingstaetten.info/de/heidelberg-kurzinfo/9), in Berlin (vergleiche dazu https://thingstaetten.info/de/thingstaetten/berlin-d/#&gid=1&pid=8, https://thingstaetten.info/de/thingstaetten/berlin-d/#&gid=1&pid=4, https://www.google.de/maps/uv?hl=de&pb=!1s0x47a850cd28ca83eb%3A0x40f0b6c0c4d03c0!3m1!7e115!4shttps%3A%2F%2Flh5.googleusercontent.com%2Fp%2

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V3LngzOjqAhUpIcUKHZlAD7EQoiowDHoECBYQBg) und Bad Segeberg (vergleiche dazu https://thingstaetten.info/de/thingstaetten/bad-segeberg/#&gid=1&pid=5) werden sie heute als Freilichtbühnen genützt (vergleiche dazu https://thingstaetten.info/de/thingstaetten/bad-segeberg/#&gid=1&pid=4), in Bad Schmiedelberg ist sie verfallen (vergleiche dazu https://thingstaetten.info/de/thingstaetten/bad-schmiedeberg-d/#&gid=1&pid=2) und in Koblenz ist sie überbaut.

Das von der in Bielefeld lebenden Fotografin Katharina Bosse (vergleiche dazu http://www.katharinabosse.com) initiierte interdisziplinäre und pluralistische Kunstprojekt „Thingstätten“ entwickelte sich aus Fragestellungen, mit denen sich Bosse „im Zeitalter der rasanten Weiterentwicklung sozialer Online-Netzwerke beschäftigte. Sie selbst setzt sich in der Publikation mit der ehemaligen Thingstätte in Vogelsang in der Eifel auseinander. Sie projizierte historische Aufnahmen der Orte auf die Mauern und fotografierte die Installation in den Abendstunden. ›Damit wird das Grundthema des Projektes, die Überlagerung von Vergangenheit und Gegenwart, in einem Bild zusammengefasst‹, so Bosse. 

Auf 256 Seiten setzen sich die beteiligten Künstlerinnen und Künstler und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf unterschiedliche Weise mit den Thingstätten auseinander. Alle Werke beziehen sich aber auf unseren heutigen Umgang mit den Orten. ›Das interdisziplinäre Projekt verbindet Kunst und Geschichtsforschung‹, betont Bosse, die eine Wissensdatenbank im Internet startete, in der historisches Material zu den Thingstätten gesammelt wird. ›Mir ist es wichtig, die zukünftige Forschung zu den Orten weiter zu fördern‹“ (Katharina Bosse nach Malina Stuckmann, Thingstätten. In https://idw-online.de/de/news747693). Deshalb ist die lesenswerte Publikation „Thingstätten“ (vergleiche dazu https://www.kerberverlag.com/de/1819/thingstaetten) in das größer angelegte gleichnamige Projekt eingebunden, das weitergehen und die vorliegenden Ergebnisse ergänzen und vervollständigen soll (vergleiche dazu auch https://thingstaetten.info/de/waldbuehne-berlin-architektur/).

ham, 25. Juli 2020

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