C.H.Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-69607-7, 508 Seiten, 103 Abbildungen, davon 58 in Farbe,
Hardcover gebunden mit Lesebändchen und Schutzumschlag, € 26,95 (D)

Heiko Augustinus Oberman hat die Teilnehmer seines im Sommersemester 1970 in Tübingen angebotenen
kirchengeschichtlichen Seminars „Die marxistische Deutung der Reformation“ schon vor 46 Jahren dafür
sensibilisiert, dass um die sachgemäße Deutung der Reformation mit historisch validen Argumenten
gestritten werden muss. Auch Interpretationsmodelle wie die vom Leipziger Historiker Max Steinmetz
vertretene »frühbürgerlichen Revolution«, die Reformation und Bauernkrieg dialektisch verbinden, stünden
in Traditionslinien wie der von Wilhelm Zimmermanns Allgemeiner Geschichte des großen Bauernkriegs.
Traditionslinien zeigten paradigmengesteuerte Richtungen an und seien nicht aus sich selbst heraus
historisch stimmig. Im Übrigen sei einzurechnen, dass das Konzept der »frühbürgerlichen Reformation«
eine identitätsstiftende Funktion für den Arbeiter- und Bauernstaate habe. Oberman hat nach Thomas
Kaufmann demgegenüber „die theologiegeschichtlichen Voraussetzungen der Reformation gründlicher in
den Blick“ genommen, „als dies je zuvor geschehen war. Überdies rückte er Luther und die anderen
Reformatoren in eine auch die Renaissance einbeziehende Perspektive. Im Unterschied zur deutschen
Forschungstradition, in der die Renaissance- und die Reformationsforschung vielfach in Konkurrenz um den
je größeren Beitrag zur Moderne gestanden hatte, nahm Oberman Tendenzen der englischsprachigen
Forschungstradition zum Renaissancehumanismus produktiv auf; während des Dritten Reichs waren einige
ihrer prominentesten Vertreter ins englischsprachige Exil geflohen. Oberman verband Scholastik-,
Renaissance- und Reformationsforschung und trug dadurch dazu bei, eine integrale Sicht auf das Zeitalter zu
entwickeln […]. Obermans Luther war ein zutiefst in der mittelalterlichen Tradition verwurzelter Mensch.
Auch wenn sein Ansatz manchen Widerspruch gefunden hat […], trug er doch entschieden dazu bei, den
Wittenberger Reformator gründlich in die Frömmigkeit seiner Zeit einzubetten“ (Thomas Kaufmann S. 418).
„Das marxistische Interpretationskonzept der »frühbürgerlichen Revolution« ist“ dagegen „seit 1989 als
Gegenstand der Wissenschaftsgeschichte archiviert“ (Thomas Kaufmann S. 423).

Auch Thomas Kaufmann begreift die von Wittenberg ausgehende Reformation als historiographisch und
erinnerungskulturell hoch umstrittenes und zugleich diffuses Thema. „Angesichts der vielfältigen und
disparaten Inanspruchnahmen Luthers und der Reformation gibt es“ für ihn deshalb „keine Alternative dazu,
sie zu historisieren. Ein kohärentes Geschichtsnarrativ der Reformation aber setzt die Definition eines
Ausgangspunkts voraus: Luther und seine Auseinandersetzung mit der Papstkirche […]. Luther an den
Anfang zu stellen, kann nicht bedeuten, ihn in die Sphäre des Monumentalen zu rücken. Er steht an diesem
Anfang nicht primär wegen seiner vielfältigen Besonderheiten, sondern wegen der Einzigartigkeit einer
historischen Konstellation, die es möglich machte, dass aus einer nie abgehaltenen Disputation über das
Ablasswesen eine grundstürzende revolutionäre Veränderung des Kirchenwesens werden konnte. Luther an
den Anfang zu stellen, bedeutet aber auch, ihn in seine Zeit, die Mentalitäten, sozialen und politischen
Ordnungen, religiösen und ökonomischen Handlungsweisen, die Universitäten, die Ordensgemeinschaft
seiner Vertrauten, aber auch die Ängste und Aufbrüche der Zeit um 1500 hineinzustellen “ (Thomas
Kaufmann S. 17).

Dass Luther trotz Bann und Acht überleben konnte, verdankt er nach Kaufmann vor allem auch seiner
literarischen Produktion zwischen dem Ende der Leipziger Disputation am 15. Juli 1519 und dem
Bekanntwerden des römischen Urteils in Gestalt der Bannandrohungsbulle Exsurge Domine vom 15. Juni
1520. „Das knappe Jahr […] war wohl die Phase der wirkungsvollsten literarischen Leistung des
Augustinermönchs. Nach und nach schrieb er sich in die Rolle eines »Reformators« hinein. Dabei darf man
voraussetzen, dass die Angst um Leib und Leben, die Luther angesichts der drohenden Verurteilung
begleitete, seine Kreativität, Ausdruckskraft und Produktivität in einzigartiger Weise stimulierte. Luther
schrieb um sein Leben. Seine Schriften hatten gigantische Verbreitungserfolge, er wurde allenthalben und
überall gelesen, von ihm stimulierte Leser avancierten ihrerseits zu reformatorischen Schriftstellern, und es
entstand eine »reformatorische Bewegung«. Auf diese Weise trug er selbst entscheidend dazu bei, dass die
traditionellen Mittel der Ketzerbekämpfung, die Verbrennung einer Person, ihrer Schriften, scheitern musste.
Auch wenn sein Landesherr ihm Schutz gewährte – gerettet hat ihn die Erfindung Johannes Guttenbergs. An
Luthers Beispiel wurde erstmals deutlich, dass die traditionellen Repressionsinstrumente der kirchlichen
Hierarchie gegenüber einer unkontrollierten Verbreitung abweichender Gedanken versagen mussten – ein
erster, noch tastender, aber alles entschiedener Schritt in eine neue Zeit“ (Thomas Kaufmann S. 123).

In dem knappen Jahr hat Luther eine Neudeutung der Sakramente vorgelegt (Von der babylonischen
Gefangenschaft der Kirche), das christliche Ethos neu begründet (Von den guten Werken), in seinem Traktat
An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung diverse, bald miteinander
konkurrierende Reformationsakteure auf den Plan gerufen und in seiner Freiheitsschrift Von der Freiheit
eines Christenmenschen die dem Menschen im Glauben zugeeignete innere Freiheit in ihrer Auswirkung auf
die liebende Zuwendung zum Nächsten prononciert weitergedacht. Dass er 1521 auf dem Wormser
Reichstag den Widerruf seiner Schriften und der in ihnen enthaltenen Lehre verweigert hat, „geriet ihm zur
einzigen wirklich großen, ja weltgeschichtlichen Szene in seinem Leben. »Wenn ich nicht durch
Schriftzeugnisse oder einen klaren Grund widerlegt werde – denn allein dem Papst oder den Konzilien glaube
ich nicht; es steht fest, dass sie häufig geirrt und sich auch selbst widersprochen haben -, so bin ich durch die
von mir angeführten Schriftworte überwunden«“ (Thomas Kaufmann / Martin Luther S. 130 f.). Die
Pathosformel »Ich kann nicht anders, hie steh ich, Gott helfe mir, Amen« ist mutmaßlich sekundär; dass sie
schon in der zeitgenössischen Quellenüberlieferung festgehalten ist, „verdeutlicht das Empfinden, dass hier
etwas Bedeutendes, Exemplarisches geschehen war. In der Memorialkultur verdichtet sich die Wormsszene
zum Symbol unerschütterlicher Bekenntnis- und Gewissenstreue“ (Thomas Kaufmann S. 131).

Zur Reformation gehören neben Luther natürlich auch Huldrych Zwingli, der die Anfänge seiner
reformatorischen Tätigkeit auf das Jahr 1516 datiert, die ab Mitte der 1525er Jahre übliche Unterscheidung
des späteren und vom jüngeren Luther, Luthers Fehleinschätzung des Einflusses der apokalyptischen
Theologie seines ehemaligen Schülers Thomas Müntzers auf die Bauernkriege, seine Distanzierung von
Karlstadt und der Streit mit Erasmus um den freien Willen: Luthers Traktat »über den unfreien Willen« (De
servo arbitrio) „wurde […] ein Schlüsseltext seines Schrift-, Gottes- und Geschichtsverständnisses […].
Diese Schrift […] markiert einen biografischen und einen reformationsgeschichtlichen Wendepunkt. Der
Luther, der hier sprach, der soeben in den Ehestand mit der entlaufenen Nonne Katharina von Bora getreten
war, der mit Karlstadt gebrochen, den Gegnern der leiblichen Gegenwart Christi im Abendmahl den Krieg
erklärt und den aufrührerischen Bauern den Tod auf den Hals gewünscht hatte, dieser Luther war nicht mehr
der einzigartige Held von Worms, der bewunderte Prediger, der maßlos erfolgreiche literarische Tröster – er
war ein aufgewühlter, von Konflikten heimgesuchter, überforderter Theologe, der der Geister, die er ge- oder
hervorgerufen hatte, nicht Herr zu werden vermochte und dessen Wirkungsradius sich zu verkleinern
begann“ (Thomas Kaufmann S. 177 f.).

Für den weiteren Fortgang der Reformation wurde dann die von Melanchthon für den Augsburger Reichstag
verfasste Confessio Augustana und der Zusammenschluss der evangelischen Stände zu einem militärisch –
politischen Verteidigungsbündnis, dem Schmalkaldischen Bund, maßgeblich. Zwischen 1520 und 1530 hatte
„die vom Reich ausgehende reformatorische Bewegung weite Teile Lateineuropas erreicht und in
unterschiedlichem Maße durchdrungen. Den Städten war dabei durchweg eine Vorreiterrolle zugekommen.
Städtische Kaufleute und Studenten, auch Bettelmönche, also besonders mobile Personengruppen, sind die
wichtigsten Akteure dieses komplexen, gesamteuropäischen Kommunikationsprozesses. Sie waren es auch,
die jene Druckschriften verbreiteten, die die Menschen bewegten und die sich durch Zensurmandate zwar
einschränken, aber nicht unwirksam machen ließen. Nationalsprachliche Übersetzungen des Neuen
Testaments standen vielfach am Anfang der eigenen reformatorischen Druckproduktion eines
Landes“ (Thomas Kaufmann S. 225).

Im vierten Kapitel seiner Reformationsgeschichte diskutiert Kaufmann unter anderem die religionskulturelle
Neuordnung Europas bis 1600, die frühreformatorischen Bewegungen außerhalb des Reichs, den Beitrag
Johannes Calvins und der Reformierten Internationale und die Königsformationen in Skandinavien und
England. Das fünfte Kapitel thematisiert das Erleben der neuen Zeit zwischen Umbruch, Apokalypse und
Impulsen für die westliche Moderne wie der nun geschaffene Möglichkeit, die Bibel in der eigenen
Muttersprache zu lesen. „In Bezug auf die bildende Kunst kann man sich fragen, ob die Reformation nicht
direkt zu ihrer Autonomisierung beigetragen hat. Denn dadurch, dass die Bilder nicht mehr als Gegenstand
der Anbetung in Betracht kamen und ihnen auch keine kultische Funktion mehr zufiel, wurde die
Möglichkeit eröffnet, sich um ihrer selbst willen auf sie einzulassen. Die rasante Entwicklung der Kunst und
des Kunstmarktes in den reformiert geprägten Niederlanden zielte vornehmlich auf die ganz private,
ästhetische Freude am Bild außerhalb eines religiösen Nutzungszusammenhangs. Dies dürfte eine der nichtintendierten
Wirkungen der Reformation gewesen sein“ (Thomas Kaufmann S. 361).

Das sechste und abschließende Kapitel zeichnet die wechselnde Wahrnehmung der Reformation in der
Neuzeit anhand der Reformationsjubiläen 1617 bis 2017 nach und versucht, das vorgestellte
Gesamtpanorama im Bild von der frühen Reformation als polypotenten Zelle zusammenzufassen und für das
sechste Jahrhundert nach der Reformation weiterzudenken: „Die frühe Reformation scheint die polypotente
Zelle des Protestantismus zu sein […]. Was könnten wir in der frühen Reformation finden?

– Eine Organisationsvision der Kirche, die von der Gemeinde her gedacht und angelegt ist, nicht von einer
klerikalen Funktionärshierarchie;
– ein gärendes Christentum, das von begeisterten und beunruhigten Laien beiderlei Geschlechts getragen
und entschieden gestaltet wird;
– eine wagemutige, streitbare evangelische Geistlichkeit, die mit überkommenen Rollenmustern bricht und
in der seelsorgerischen Predigt und der theologischen Argumentation ihre Hauptaufgabe, ihr Kerngeschäft
sieht;
– eine gegenüber der Judenheit dialogisch gesinnte, lautere, hörend-lernbereite, ehrliche und entschieden
nicht triumphierende Kirche;
– eine heilsame Konzentration der theologischen Lehre auf Gottes in seinem Sohn Jesus Christus nahe
gekommene, unverdiente Gnade, auf das menschliche Ungenügen und auf die Liebe zu den näheren und
ferneren Nächsten;
– eine Frömmigkeit, die nicht bei sich selbst bleibt, sondern in die Welt zieht, ökumenische Gemeinschaft
sucht und schafft, die Grenzen des Anderen respektiert oder überwindet;
– eine bunte, vielstimmige Sprache, die aus der Begegnung mit dem biblischen Wort erwächst und Herzen
und Hirne erreicht. Diese Reformation steht noch aus“ (Thomas Kaufmann S. 426).

ham, 21. Oktober 2016

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