Deutsche Verlagsanstalt / Spiegel Buchverlag / Verlagsgruppe Random House, 2018, ISBN
978-3-421-04811-0, 286 Seiten, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag, Format 22 x 14,5 cm,
€ 20,00 (D) / 20,60 (A)

Vorstellungen vom Neuen Menschen sind schon in der frühen Religionsgeschichte zu finden. Sie spielen
auch in den bei Cicero, Plautus und Apuleius belegten Mythos vom Homunculus herein. Letztlich haben sie
aber über das Christentum Eingang in die säkulare Moderne gefunden: Nach Paulus ist, wer in Christus ist,
eine neue Kreatur (Korinther 5,17). Christus ist „unser Friede […]. Er hat das Gesetz […] abgetan, damit er
in sich selber […] einen neuen Menschen schaffe“ (Epheser 2, 14 f.). Auch seine Nachfolger sollen neue
Menschen werden: „Ihr sollt euer altes Leben wie alte Kleider ablegen. Folgt nicht mehr euren
Leidenschaften, die euch in die Irre führen und euch zerstören. Lasst euch in eurem Denken verändern und
euch innerlich ganz neu ausrichten. Zieht das neue Leben an, wie ihr neue Kleider anzieht. Ihr seid nun zu
neuen Menschen geworden, die Gott selbst nach seinem Bild geschaffen hat. Jeder soll erkennen, dass ihr
jetzt zu Gott gehört und so lebt, wie es ihm gefällt“ (Epheser 4, 22 ff.).

Die im frühen Mittelalter aufkommende Legende vom Golem und Mary Shelleys 1818 anonym
veröffentlichter Roman Frankenstein greifen die Vorstellung vom Neuen Menschen auf. Rabbi Judah Löw
von Prag (1520 – 1609) soll von Gott zur Erschaffung des Golems beauftragt worden sein; der aus Erde
geformte und mittels Zahlenmystik ins Leben gerufene Golem soll Prags bedrängten Juden helfen, alle zu
überwinden, die ihnen Übles antun wollen. Schelley warnt davor, dass sich der Mensch selbst zu Gott
machen könnte. Der Paracelsus genannte Arzt, Mystiker und Alchemist Theophrastus Bombast von
Hohenheim (1493 – 1541) will einen Bauplan für den Homunculus gefunden und soll ihn in der ihm
zugeschriebenen Schrift ›De natura rerum‹ (1538) veröffentlicht haben. Nach Paracelsus bildet sich der
Homunculus, wenn man menschliche Spermien 40 Tage in einem Gefäß in Pferdemist verfaulen lässt. Was
sich dann regt, sei einem Menschen gleich, doch durchsichtig. 40 Wochen lang müsse man dieses Wesen bei
konstanter Wärme mit dem Arcanum des Menschenblutes ernähren; schließlich werde ein menschliches Kind
entstehen, jedoch viel kleiner als ein natürlich geborenes Kind.

In der Russischen Revolution von 1917 und in der frühen Sowjetunion wird der Neue Mensch zum Heils-
– und wie auch gut 40 Jahre später in der DDR – zum Erziehungsziel. Die von Paulus erhoffte gottgefällige
Gemeinschaft hat sich jetzt in eine Sozialutopie transformiert. Der amerikanische Psychotherapeut und
Erfinder der klientenzentrierten Psychotherapie Carl Rogers (1902 – 1987) verbindet religiöse,
sozialutopische und therapeutische Vorstellungen. Durch Offenheit in allen interpersonalen Beziehungen,
Empathie, die Wertschätzung des Einzelnen, eine gerechtere Verteilung der menschlichen Güter, den Vorrang
der menschlichen Bedürfnisse vor den Strukturen, Kreativität jeder Art und ein menschlicheres
Wissenschaftsverständnis kommt es nach Rogers zu einem großen evolutionär-revolutionären Sprung. Ist der
schon bei Paracelsus bemühte Gärungsprozess einmal in Gang gesetzt, lässt sich der Geist nicht mehr in die
Flasche bannen. „Für mich hat dies nichts Erschreckendes, im Gegenteil, etwas Aufregendes. Unsere Kultur
steht vielleicht trotz der düsteren Gegenwart an der Schwelle zu einem großen evolutionär-revolutionären
Sprung. Ich sage nur von Herzen: Die Macht dem Neuen Menschen und der Revolution, die er in sich
trägt“ (Carl Rogers, Der neue Mensch, 1981, Seite 173 ff. Zitiert nach https://www.carlrogers.de/der-neuemensch-
rogers-blick-zukunft.html).

Zwar schien mit dem „›Ende des utopischen Zeitalters‹ […] auch das Ende des Strebens nach einem Neuen
Menschen gekommen. Doch Utopien sind keineswegs verschwunden, ebenso wenig wie die Sehnsucht nach
einem Neuen Menschen. Transhumanistische Zukunftsvisionen richten ihre Erwartungen an biotechnologische
Eingriffe in den Körper des Menschen, die ihn – bis hin zur Unsterblichkeit – perfektionieren sollen. Unterhalb
der Ebene einer vollständigen Transformation zu einem Neuen Menschen haben sich zudem Techniken der
alltäglichen Selbstoptimierung etabliert“ (vergleiche dazu Anne Seibring, Der Neue Mensch. In: http://
www.bpb.de/apuz/233459/editorial).

Für den seit 2012 in San Francisco in unmittelbarer Nachbarschaft zu Google, Amazon, Facebook und Apple
arbeitenden Spiegel-Reporter Thomas Schulz sind die transhumanstischen Zukunftsvisionen im Silicon
Valley mit Händen zu greifen. Überall, wo in den Laboren der Universitäten, in den Biotech-Start-ups, in den
Forschungsinstituten und in den Konzernzentralen der Pharmakonzerne an der menschlichen Gesundheit
geforscht wird, sieht man nicht nur die Medizin, sondern unser ganzes Leben am Beginn einer Revolution.
Man ist an einem Punkt angelangt, an dem neue Technologien aus allen möglichen Bereichen verschmelzen:
aus Chemie, Physik, Materialwissenschaft, Robotik, Künstlicher Intelligenz und natürlich auch aus den
Forschungen am Erbgut und aus der Medizin. „›Wir haben die Fähigkeit entwickelt, die Evolution zu
kontrollieren‹, sagt Jennifer Doudna, Miterfinderin der Crispr-Technologie […], mit der sich das Erbgut von
Pflanzen, Tieren und Menschen zurechtschneiden lässt […]. Das vergangene Jahrhundert war davon geprägt,
dass wir gelernt haben, zwei grundsätzliche Bausteine der Welt zu verstehen: das Atom und das Byte. Beide
Funktionen haben uns gezeigt, welch große Folgen es haben kann, kleinste Einheiten zu beherrschen. Nun
sind wir auf dem Weg, die dritte Grundeinheit zu beherrschen: das Gen. Wenn es gelingt, die Kontrolle über
die biologische Information zu erlangen, wird die Welt erneut grundlegend verändert. Dann wird der Mensch
zum Schöpfer, der die nächste Stufe der Evolution selbst in die Hand nimmt“ (Thomas Schulz S. 13 ff.). Die
digitale verbindet sich mit der biologischen Revolution und mit Geschäftsinteressen. Letztere generieren
Forschungsgelder in bisher kaum gekannten Größenordnungen.

In den USA fließen 20 Prozent der Staatsausgaben in das Gesundheitssystem. „Deshalb arbeiten sie in den
Konzernzentralen in San Francisco und Seattle nun an medizinischer Grundlagenforschung: Wie lässt sich
der Krebs besiegen? An medizinischen Geräten. Wie lassen sich Blutwerte, Insulin, Herzschlag rund um die
Uhr analysieren? An medizinischer Datenverarbeitung: Wie lassen sich Patienteninformationen, klinische
Studien, Forschungsergebnisse maschinell auswerten? Bereits vorhanden sind ganze Datenbanken voll
genetischer Informationen, Milliarden und Abermilliarden Gigabyte an DNA-Analysen, an Wissen über
unser Erbgut. Neue Mischformen wissenschaftlicher Disziplinen sind entstanden, wie die synthetische
Biologie oder die Bio-IT, die dieses Wissen ständig erweitern, auswerten und zu neuartigen Therapien und
Medikamenten entwickeln. Schon heute lassen sich Tumore bis ins Detail analysieren, können Patienten
mithilfe ihrer eigenen, gentechnisch aufgerüsteten Immunzellen erfolgreich den Krebs bekämpfen.
Gentherapie […] ist die erste Hälfte der medizinischen Revolution […]. Hinzu kommen, als zweiter Teil
ganz neue Ideen wie diese: Forscher entwickeln Moleküle, die in die Zellen eingeschleust werden und dem
Körper als Anleitung dienen, sein eigenes Medikament zu entwickeln […]. Von hier aus ist der Weg nicht
weit zu extremeren Visionen: die Grenzen der Biologie zu sprengen und das Leben nicht nur um zehn,
sondern um 50 Jahre zu verlängern. Bis der Tod nur noch ein technologisches Problem ist? Es gibt einige die
so denken im Silicon Valley, und längst nicht alle sind Utopisten. Google etwa gründete eine Tochterfirma,
um die Lebensverlängerung zu erforschen; dort arbeiten […] einige der führenden Genetiker der
Welt“ (Thomas Schulz S. 16 f.). Mark Zuckerberg verteilt Unsummen an mehrere Longevity-Projekte. Larry
Ellison, der Gründer des Software-Riesen Oracle spendete fast eine halbe Milliarde Dollar für die
Unsterblichkeitsforschung.

Der Weg zu einem längeren Leben führt über eine personalisierte Medizin, die Früherkennung von
Krankheiten und die Analyse unserer DNA, unseres Mikrobioms und unseres Proteoms. „Bei der Diagnose
werden neue medizinische Sensoren helfen, die wir am oder gleich im Körper tragen oder die einfach ins
Smartphone integriert sind. Sie messen Bewegung, Herz, Blutdruck und warnen, wenn die Werte aus dem
Ruder laufen. Daten, so viel ist klar, sind die Schlüssel für diese Zukunftsmedizin: ausgelesen aus Geräten,
Genomen, Sensoren und zahllosen Tests zu allen möglichen Biomarkern […]. Mit unseren Gesundheitsdaten
wird Geld zu verdienen sein“ (Thomas Schulz S. 18).

In neun Kapiteln wird unter anderem entfaltet, was im Detail unter digitaler Biologie zu verstehen ist, wie
künstliche Intelligenz und Algorithmen das Gesundheitssystem verändern, wie eine Leber aus dem Drucker,
künstliche Spermien und ein Modem fürs Gehirn unseren Körper reparieren und erweitern sollen und welche
neuen Therapien gegen Krebs Therapeuten, Ärzte und Patienten hoffen lassen. Im letzten Kapitel versucht
Schulz Antworten auf die Frage zu finden, warum Deutschland auf die Gesundheitsrevolution noch nicht
angemessen vorbereitet ist: Für Schulz ist die Geschichte der Menschheit eine Geschichte des Fortschritts; in
den kommenden Jahrzehnten steht die digitale Medizinrevolution im Zentrum. Diese Revolution wird trotz
aller Bedenkenträger kommen und die Menschheit weiter voranbringen. Der Fortschritt der Wissenschaft und
Technik an sich ist kein Problem, aber ihre mögliche ›Verselbständigung‹ (Richard von Weizsäcker). Deshalb
wird es nach Richard von Weizsäcker nicht mehr genügen, zu fragen, ob wir alles tun dürfen, was wir tun
können. „›Wir können zu wenig, um verantwortlich entscheiden zu können, ob das geschehen darf, was
geschehen kann, und ob das geschehen kann, was geschehen muss‹“ (Richard von Weizsäcker nach Thomas
Schulz S. 276). Wir können aber, und darin ist sich Schulz mit von Weizsäcker einig, dafür sorgen, dass
möglichst viele möglichst viel wissen.

ham, 6. August 2018

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