Patmos Verlag, Ostfildern 2014, ISBN 978-3-8436-0444-4, 689 Seiten, zahlreiche schwarz-weiß-Abbildungen und – Zeichnungen, Sachwortregister, ausführliches Wort-, Quellen-, Autorinnen- und Autoren-, Literatur- und Abkürzungsverzeichnis und detaillierte Bildnachweise, Hardcover gebunden, Format 24,5 x 17 cm, € 35.-

Thomas Staublis und Silvia Schroers fulminante Publikation über menschliche Körper, Emotionen, Tätigkeiten, Beziehungen und Bilder in der Bibel knüpft methodisch an ihr 2005 in fünfter Auflage aufgelegtes Buch „Körpersymbolik der Bibel“ an. Sie bezieht wie dieses neben neueren und neuesten exegetischen Ergebnissen konsequent ikonographisches Material, Forschungsergebnisse der Orientalistik, der Sozial- und Kulturanthropologie, der historischen Psychologie, der Linguistik, der Metaphernforschung und der Paläoanthropologie mit ein, verzichtet aber bewusst auf die Signatur „Anthropologie“. Die Autoren sprechen statt dessen von „Menschenbildern“. Sie weisen darauf hin, dass Ulrich Beck vom „eigenen Leben“ als dem Leitbild der individualisierten und pluralen westlichen Gesellschaft gesprochen hat. Aber sie machen überdeutlich klar, dass diese Vorstellung den Menschen des antiken Israel überaus fremd ist. Statt dessen sollte man ihrer Auffassung nach in den Büchern des Ersten Testaments von konstellativen Menschenbilder ausgehen. „Den Menschen des antiken Israel … war nicht nur die … Vorstellung des Individuums … fremd, sondern auch das Wort >>Person<< … Zählt man Personen, spricht man von >>Köpfen<< …, begegnet man einer Person, tritt man vor ein >>Angesicht<< …, geht es um die leibhafte Persönlichkeit, so ist von der >>Kehle/Seele<< … die Rede. Der innere Mensch konkretisiert sich im Begriff >>Herz<< …, der vergängliche im >>Fleisch<< …, der lebendige im >>Blut<< …, die über ihre leibliche Existenz hinaus denkbare und wirksame Person im >>Namen<< …, die Schönheit in >>Gewicht<< und >>Glanz<< … Ist vom Menschen als >>Adam<< die Rede, so klingt die vergängliche Existenz aus mit Atem … belebten Erdboden … bzw. Staub … an sowie die präsexuelle Konzeption als zuwendungsbedürftiges animal sociale …, aber auch die Konzeption als lebendiges , männliches und weibliches Abbild Gottes… Die menschliche Disposition als sinnliches Wesen, das sieht …, hört…, riecht und schmeckt …und tastet …, sowie als kommunizierendes Wesen, das blickt …, gestikuliert …, spricht … oder schweigt …, musiziert … und tanzt …, wird dabei immer schon vorausgesetzt“ (Staubli / Schroer a.a.O. S. 11). Die in der Einleitung abgebildete Verzierung einer fürstlichen Bettstatt aus dem kanaanäischen Königreich Ugarit verdeutlicht sinnfällig den Unterschied zur Vorstellung vom Menschen in der realisierten westlichen Moderne: Sie zeigt auf einzelnen, sorgsam zu einem Gesamtkunstwerk komponierten kostbaren Elfenbeinplatten Menschen in unterschiedlichsten Umständen, Status, Haltungen, Lagen, Ordnungen und Verhältnissen, so ein nacktes stehendes Mädchen mit einer Lotosblume und dem Lebenszeichen Ankh, einen König in ägyptischer Tracht, der mit einer Lanze in der Hand einen Löwen dominiert, einen Krieger in levantinischer Tracht, der einen um Gnade bittenden Feind beim Schopf packt und mit einem Schwert bedroht und die Fürstin und den Fürst in liebender Umarmung. „Im Angesicht erotische Liebeskraft, die als einzige dem Tod widerstehen kann …und von ihr bewegt, vollzieht sich der verehrungswürdige … Kampf gegen aggressive Mächte, Feinde in Gestalt von Löwen und Menschen“ (Staubli / Schroer a. a. O. S.12). Staubli und Schroer sprechen von Menschenbildern im Plural aber auch wegen der epochalen, umweltbedingten und regionalen Unterschiede der in der hebräischen Bibel versammelten Schriften. „Jeremia zum Beispiel vergleicht Moab mit einem im selben Krug gealterten Wein mit unverkennbaren Geschmack… Tyrus hingegen wird von seinem Zeitgenossen Hesekiel als eine pulsierende Metropole geschildert, in der sich Händler aus aller Welt die Hand reichen…“ (a.a.O S.14). Dazu kommen die sozialen, die Klassen- und die Geschlechterunterschiede. Die von Staubli und Schroer aus den Texten erschlossenen und interdisziplinär abgeglichenen Menschen-, Welt- und Gottesbilder versuchen einen Teil des „von Menschen gesponnenen Bedeutungsgewebes, das wir Kultur nennen, … sichtbar zu machen“ (a. a. O. S.14 f.). Dabei wird klar, dass es das biblische Menschenbild nicht gibt und die weitere Forschung die heutigen Bilder nicht immer bestätigen wird. Die Spannung zwischen historischer und der stärker von ihren griechisch-philosophischen als von ihren altorientalischen Wurzeln geprägten theologischen Anthropologie kann nicht aufgehoben werden. Gleichwohl kann die sorgfältige Lektüre des Ersten Testaments die immer noch dominierenden dualistischen abendländischen Denkmuster korrigieren und unter anderem deutlich machen, dass schon im antiken Israel Mensch und Tier vor Gott verwandt sind, dass Tiere ihren Schöpfer kennen, dass der Zugang zur Welt selbstverständlich über den Leib und seine Sinne erfolgt und dass der Körper der Ort ist, an dem Menschen Gewalt erleiden, Krankheit ertragen und an dem der Tod offenkundig wird. „Unsere befreiungshermeneutisch-feministisch motivierte Erforschung der Biblischen Menschenkunde ist Menschen verpflichtet, die an ihren Körpern Gewalt erleiden, die wegen ihres Geschlechts (Sexismus), ihrer Hautfarbe (Rassismus), ihrer geistigen und körperlichen Behinderung oder Besonderheit (Bodyismus) Unterdrückung und Benachteiligung erleben, die wegen ihres Aussehens (Lookismus) oder ihres Alters (Ageismus) an den Rand geschoben werden … Ein Symbol der unauflöslichen Zusammengehörigkeit dieser Diskurse im Ersten Testament selbst ist Ijob, der mit seinen Freunden über die Konditionen des Menschseins philosophisch streitet, während er zugleich an seinem sozialen Leib geschlagen und bis auf die Knochen geschunden in der Asche sitzt. Die biblische Tradition ist darüber hinaus für Body-Diskurse verschiedenster Art offen …, wie gerade die Vorstellungen vom Tod und den Toten zeigt … In den Kindern und im Namen eines Verstorbenen lebt dieser als soziale Person durchaus in einer leiblichen Person und nicht nur in der Erinnerung weiter. Eine weitere Möglichkeit, einen neuen Leib anzunehmen, bestand im Alten Orient in der Herstellung von Statuen und Bildern. Diese Möglichkeit hatten die Beter und Beterinnen in den Tempeln, die sich vor der Gottheit in ewiger Anbetung repräsentieren ließen …, diese Möglichkeiten hatten vor allem auch die Gottheiten. Sie inkarnierten sich in ihre Götterbilder hinein, wozu eine besondere Beauftragung eines königlichen Stifters und besondere geheime Zauberkräfte von beauftragten Kunsthandwerkern sowie ein Mundöffnungsritual nötig waren … Die Vorstellungen von Körper- und Leibhaftigkeit … decken sich nur teilweise mit den uns vertrauten. Neben schattenhaften Wesen, die nicht mehr existieren, aber in der Sheol weiterexistieren …, gibt es auch leibhaftige Erscheinungen übermenschlicher Wesen wie der Engel … Wenn im Neuen Testament (Joh 1) die einzige Grenze zwischen Gott und Mensch , das >>Fleisch<<… aufgegeben wird und Gott Fleisch annimmt, …so muss das für antike Ohren ganz ungeheuerlich geklungen haben. In umgekehrter Richtung wird nun in letzter Konsequenz der irdische, vergängliche Körper in die Hoffnung auf Auferstehung einbezogen“ (a. a. O. S. 21f.). In 90 Kapiteln eröffnet sich ein überaus reiches Bild menschlicher Weisen des Existierens von Liebe und Hass, Liebesleidenschaft und Eifersucht über Geburt, Kindsein, Kinderlosigkeit, Vater- und Mutterschaft, Ausscheiden und Ekel bis zu Krankheit und Schmerz, Alter, Altern, Tod, Erinnern und Gedenken. Das letzte Kapitel spricht schließlich von Staunen und Neugier. Wer fragt, warum der Mensch im ersten Kapitel des Ersten Testaments nach 1. Mose 1, 26ff. als Bild und Gleichnis Gottes erscheint, wird auf Impulse aus Ägypten verwiesen, „wo vor allem der Herrscher als >>Gottesbild<< verstanden wird. An den Thronnamen und Titeln ägyptischer Könige wird ihre >>Gottebenbildlichkeit<< verewigt … Die Gottebenbildlichkeit konnte aber auch auf die menschlichen Geschöpfe allgemein bezogen werden … Einen weiteren Hintergrund … bildete der im ganzen Orient bezeugte Glaube an die wirkmächtige Vergegenwärtigung, die ein Bild darstellt. Aufgrund vieler Indizien aus der Bilderverehrung der Umwelt Israels wird geschlossen, dass der Mensch nach Gen 1,26 eine Art lebendiges Götterbild ist, in welchem die Gottheit wirksam sein soll und welches die Gottheit auf Erden repräsentiert. Die Statue oder Stele eines ägyptischen, assyrischen oder babylonischen Königs … repräsentiert seine Macht vor Ort. Das Götterbild im Tempel stellt eine Daseinsweise der Gottheit dar. Das dafür verwendete Wort >>Bild<< … kann Skulpturen, Statuen oder Reliefs bezeichnen … Der ergänzend … verwendete Begriff >>Gleichnis/Gestalt<< … bezeichnet die ähnliche Beschaffenheit des abgebildeten mit dem Vorbild. Es zielt auf … die innere Wesensähnlichkeit zwischen Mensch und Gott“ (a.a.O. S. 67). Wie der Mensch existentiell auf Gemeinschaft, Kleidung, Essen und Trinken angewiesen ist, so auch und vor allem auf den Atem. Erst der ihm von Gott eingehauchte Atem macht den Erdling lebendig; am Ende des Lebens wird er ihm wieder von Gott entzogen. Trotz dieser letzten Begrenzung desLebens kann er gar nicht anders als über die Größe Gottes zu staunen und seine Werke zu preisen. „ >>Wie groß sind deine Werke, o JHWH, wie tief deine Gedanken!<< … Man kann die Bibel in diesem Sinne als eine lange Kette menschlichen Staunens angesichts des rätselhaften Wirkens Gottes lesen, als eine Kette von Geschichten, die gerade um des Staunens willen erzählt wurden und erzählt werden … Die demütige Erkenntnis der Beschränktheit der Menschen - >>was ist der Mensch, dass Du seiner gedenkst? << (Ps 8,5) - und ihr daraus resultierendes Erstaunen über menschliche Machtentfaltungsmöglichkeiten - >>Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott<< (Ps 8,6) - verlieh dem levantinischen Intellektuellen einen untrüglichen Blick für Glanz und Elend des Menschen (Koh 5,7): >>Wundere dich nicht, dass in der Provinz die Armen ausgebeutet … werden, …denn ein Mächtiger deckt den anderen. Nicht einmal gewaltige Katastrophen wie Kriege ließen die Propheten sich wundern…“ (a. a. O. S. 565f.). Aber was die Weisen Israels noch mehr und in der Tiefe staunen lässt, ist, dass „Freude über Leid, Ohnmächtige über Mächtige, Kleine über Große triumphieren können“ (a.a.O. S. 566) und dass Gott das Haupt des Schwachen aufrichtet und erhöht. Gottes Option für die Armen und Unterlegenen kulminiert nach den Erzählungen der frühen Christen in den Wundergeschichten des Neuen Testaments und in der Rede von der Auferweckung des Gekreuzigten. „Den Sieg des bedrohten Lebens über den Tod, der das Staunen auslöst, hat das Christentum mit dem Tod und der >>Auferstehung<< …Christi dramatisiert und personifiziert“ (a.a.O. S. 566). Das macht es verständlich, dass dem Christentum das Wunder lange Zeit als des Glaubens liebstes Kind galt, „den aufgeklärten Menschen ist es peinlich geworden. Der Glaube an die Wissenschaft hat den Glauben ans Wunder in die Kirchenräume verbannt. Die Ausweglosigkeit, in die sich eine technikgläubige und ökonomisiert Welt hineinmanövriert, werden früher oder später aber möglicherweise dazu führen, dass wir uns über falsche Grenzziehungen zwischen Wissenschaft und Religion, Philosophie und Theologie, wundern und den unterschiedlichen Weisen des Staunens Raum geben“ (a.a.O S. 567). ham, 1.2.2015 Download

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