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Katalog zur Ausstellung „Transparent“ vom 19. 9. bis 9.11.2014 in der Galerie der Stadt Backnang und zur Ausstellung „Great IDEA? The Art of Not Conforming“ vom 24.1 bis 22.3.2015 im Museum of St Albans (UK), herausgegeben von der Galerie der Stadt Backnang und der University of Hertfordshire Galleries mit Texten von Matthew Saul, Martin Schick und Kerstin Wickman

Galerie der Stadt Backnang/ University of Hertfordshire 2014, ISBN 978-3-9813589-3-3, 80 Seiten, zahlreiche Schwarzweißabbildungen, Hardcover gebunden, Format 21,5 × 30,3 cm

Eine am Nationalfeiertag 2014 von Abgeordneten der Linken und der Grünen im Deutschen Bundestag ausgerufene Transparenz-Offensive soll dafür sorgen, dass in Zukunft Bundestagsabgeordnete bei allem, was sie tun, und zu jeder Zeit beobachtet und kontrolliert werden können. Bisher tagen die Ausschüsse laut Geschäftsordnung des Bundestags nichtöffentlich. Diese Praxis ist nach der Auffassung der Transparenz-Offensive überholt. Die Bevölkerung muss nicht mehr davor geschützt werden, zu sehen, wie die parlamentarische Demokratie im einzelnen funktioniert. Im Gegenteil: Es ist gerade der Anspruch auf Kontrolle und Kritik, der die parlamentarische Demokratie am Leben erhält. In Schweden ist dieser Anspruch schon weit gehend umgesetzt. Niemand hat Vorhänge. Schweden ist eine Gesellschaft, „die sich gesetzlich zur Offenheit verpflichtet hat. Man hat das Recht, beinahe alles über jemand in Erfahrung zu bringen – wie viel er verdient, wo er arbeitet, mit wem er verheiratet ist“ (Tobias Hofsäss, Thomas Raschke). Transparenz entspricht dem in Schweden gepflegtem Lebensgefühl. „Trotzdem ist das scheinbar so transparente Schweden aus der künstlerischen Sicht von Hofsäss und Raschke auch stark konformistisch und funktioniert innerhalb eines Regelkonstrukts, das von allen eingehalten wird – eine Art Sozialismus in gegenseitigem Einvernehmen“ (Matthew Saul).

Die in Deutschland geborenen Hofsäss und Raschke leben seit 2006 vorwiegend in Stockholm. Beide sind seit dieser Zeit mit den dortigen Sitten und Gebräuchen, dem nationalen Selbstverständnis, dem Verständnis von Identität und der Ikonographie des schwedischen Selbstbildes konfrontiert. Aus diesem Erleben heraus sind bei Raschke eine Reihe von transparenten Drahtskulpturen und bei Hofsäss mittel- und großformatigen schwarz-weiße Negativfotografien entstanden, die das schwedische Konzept von Transparenz auf die „grundlegenden visuellen Merkmale“ (Matthew Saul) reduzieren und das damit verbundene Lebensgefühl aus der Sicht der Künstler abbilden. Hofsäss zeigt Szenen aus dem schwedischen Alltag, so eine Frau an einem Treppenabgang, ein Grabmal an einer Kirche, ältere Paare, die in einem Tanzpalast tanzen, ein Mädchen, das sich zu Mittsommer einen Blumenkranz flicht , einen gehbehinderte Alten mitsamt seiner Gehhilfe auf einem Platz, einen Angler auf einem zugefrorenen Fluss und eine Person, die auf einer Bank vor einem Kulturpalast sitzt. Rasches Skulpturen kommentieren die Fotografien mit Humor und Augenzwinkern. So stellt er der Frau am Treppenabgang eine Browning High Power vor Augen . Der Angler auf dem zugefrorenen See bekommt eine Thermoskanne und zum Grabmal an der Kirche wird die Schaufel gestellt, die der Totengräber braucht, wenn er das nächste Grab ausheben will. Die Tanzveranstaltung bekommt gleich das ganze Instrumentarium einer Kapelle an die Seite und das Mädchen, das den Kranz aus Blumen flicht, einen aus Eisendraht. Alle Skulpturen sind dreidimensional, in präzisen Formen aus „Luft und Draht“ und „mit einer erstaunlichen Leichtigkeit“ geschaffen. „Seine Arbeiten besitzen ganz verschiedene Eigenschaften: Sie erscheinen als Archetypen, als Urbilder und als Zeichen für eine Kanne, ein Auto, eine Gitarre usw.“(Kerstin Wickman). Und sie sind transparent. „Wir können durch Raschkes Arbeiten hindurch sehen. Wir erkennen gleichzeitig Vorder- und Rückseite, genauso wie Charakter und Volumen des Ganzen. Tobias Hofsäss künstlerische Fotos mit bleichen, durchscheinenden Wesen vermitteln eine andere Art von Transparenz, eine transzendente, vergeistigte Traumwelt“(Kerstin Wickman). Die Werkgruppen der beiden Künstler stehen also zum einen für ein Konzept von Transparenz, das das Wort an seine ursprünglichen Kern zurückbindet, an das „Erstaunen, das wir Menschen empfinden, seit wir begannen über unsere Welt nachzudenken“ (Kerstin Wickman). Zum anderen stehen sie aber auch für ein Konzept von Kunst, das die lange währende strikte Unterscheidung von Kunst und Handwerk auflösen und handwerkliches Können und Kunst wieder wie im Mittellalter aneinander binden will.

Hans Jürgen Müller ist in seinem Generationen von Galeristen prägenden Long- und Bestseller „Kunst kommt nicht von Können“, Zirndorf / Nürnberg 1976, noch von einem unüberbrückbaren Graben zwischen Kunst und handwerklichem Können ausgegangen. Der gelernte Goldschmied und Goldschmiedemeister Raschke hatte schon während seines Studiums an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart 1993 gegen diese Auffassung opponiert und zusammen mit Sebastian Rogler die Künstlergruppe ‚Das Deutsche Handwerk‘ gegründet. In programmatischen Ausstellungen wie der Ausstellung „Das Deutsche Handwerk macht den Meister“ (1996) sollte gezeigt werden , dass sich handwerkliches Können und künstlerischer Innovation nicht länger auszuschließen brauchen, dass im Miteinander von Kunst und Handwerk Neues entstehen und dass Eisendraht in Gold verwandelt werden kann. Und Hofsäss hat sich noch in einer Zeit, in der künstlerische Fotografie schon längstens als Kunst etabliert und anerkannt war, einer handwerklichen Ausbildung als Fotograf unterzogen. Richard Sennet reicht in seiner 2008 erschienen Monographie über das Handwerk gleichsam eine kulturphilosophische Begründung für diese von Raschke und Hofsäss angestrebte Wiederannäherung von Kunst und Handwerk nach.

Sennet beschreibt das handwerkliche Können als die Fertigkeit, „Dinge so herzustellen, dass sie wirklich gut sind…Ausdrücke wie >>handwerkliche Fertigkeiten<< oder >>handwerkliche Orientierung<< lassen vielleicht an eine Lebensweise denken, die mit der Entstehung der Industriegesellschaft verschwunden ist. Doch das wäre falsch. Sie verweisen auf ein dauerhaftes menschliches Grundstreben: den Wunsch, eine Arbeit um ihrer selbst willen gut zu machen. Und sie beschränkt sich keineswegs auf den Bereich qualifizierter manueller Tätigkeiten. Fertigkeiten und Orientierungen dieser Art finden sich auch bei Programmierern, Ärzten und Künstlern… Auf all diesen Gebieten konzentriert sich das handwerkliche Können auf objektive Maßstäbe, auf die Dinge als solche….(und) auf die Verbindung von Hand und Kopf… Der westlichen Zivilisation hat es tiefgründige Probleme bereitet, Kopf und Hand miteinander zu verbinden und das Streben nach handwerklichem Können anzuerkennen und zu fördern…(Ich stelle) zwei Thesen (auf). Die erste besagt, dass alle Fertigkeiten, selbst die abstraktesten, mit einer körperlichen Praxis beginnen; die zweite, dass technisches Verständnis sich dank der Kraft der Phantasie entwickelt. In der ersten These geht es vor allem um Wissen, das durch Berührung und Bewegung in der Hand angesammelt wird. Bei der zweiten These untersuche ich die Sprache, mit der man körperliche Fertigkeiten zu lenken und anzuleiten versucht. Diese Sprache funktioniert am besten, wenn sie auf anschauliche Weise zeigt, wie etwas getan werden muss. Die Verwendung unvollkommener oder unvollständiger Werkzeuge drängt die Fantasie, die Fähigkeit des Reparierens und Improvisierens zu entwickeln. In der Verbindung beider Thesen zeige ich dann, dass Widerstand und Vieldeutigkeit lehrreiche Erfahrungen vermitteln können. Wer handwerklich gute Arbeit leisten will, darf solche Erfahrungen nicht abwehren, sondern muss daraus lernen… Die Geschichte hat Bruchlinien geschaffen, die Praxis und Theorie, Technik und Ausdruck, Handwerker und Künstler, Hersteller und Benutzer voneinander trennen. Die moderne Gesellschaft leidet unter diesem Erbe. Doch die Vergangenheit des Handwerks und der Handwerker vermag auch Wege aufzuzeigen, wie man Werkzeuge benützen, körperliche Bewegungen organisieren und über Materialien nachdenken kann, und diese Wege bleiben auch weiterhin brauchbare alternative Möglichkeiten geschickter Lebensführung“ (Richard Sennet, Handwerk, Berlin Verlag, Berlin, 2008, zweite Auflage, Seite 18 ff.). ham. 4.10.2014 Download

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