Forum der psychoanalytischen Psychotherapie / Schriftenreihe des Frankfurter Psychose-Projekts Band 34

Die in Frankfurt in eigener Praxis arbeitenden psychologischen Psychotherapeuten Ulrich Ertel und Alois Münch deuten die enge Verknüpfung der vielfältigen Beziehungen zwischen Religion und Psychose beziehungsweise Schizophrenie in folgendem Zitat des 2012 verstorbenen ungarisch-amerikanischen Psychiaters und Psychoanalytikers Thomas Szasz an: ›If you talk to God, you are praying; if God talks to you, you have schizophrenia. If the dead talks to you, you are spiritualist; if you talks to the dead, you are a schizophrenic‹ (Thomas Szasz, Schizophrenia: The sacred symbol of psychiatry. Oxford 1979. Zitiert nach Ulrich Ertel, Alois Münch S. 7). Für Szasz war der Ausdruck ›Geisteskrankheiten‹ eine Metapher, die ein beleidigendes, störendes, schockierendes oder ärgerliches Verhalten, eine Handlung oder ein Verhaltensmuster beschreibt, aber keine Krankheit. Psychiater waren für ihn die Nachfolger von ›Seelenärzten‹ und Priestern, die sich mit den spirituellen Problemen, Dilemmata und Ärgernissen befassen, die Menschen schon immer beunruhigt haben (vergleiche dazu https://translate.google.de/translate?hl=de&sl=en&u=https://en.wikipedia.org/wiki/Thomas_Szasz&prev=search),

Ertel und Münch stellen in dem von ihnen herausgegebenen Band vierzehn vorwiegend psychoanalytisch argumentierende Beiträge vor, die die salutogene und resilienzfördernde Funktion religiöser und spiritueller Themen für die Krankheitsbewältigung psychotischer Patientinnen und Patienten unterstreichen. Die salutogene Funktion verweist nach ihrer Auffassung angesichts existentieller Krisen und Grenzsituationen und deren Verarbeitung jedoch auch „auf die unbewusste Funktion, die die wahnhafte Verwendung beziehungsweise der wahnhafte Gebrauch religiöser Praxis, Inhalte und Themen für die Aufrechterhaltung des intrapsychischen Gleichgewichts und für die Kommunikation […] in einer therapeutischen Beziehung hat. Die Vielfalt der Beiträge zeugt im Übrigen davon, dass die Religion, Religiosität und Spiritualität als unbewusste Matrix unserer Kultur trotz Säkularisierung und Rationalisierung in der Moderne nicht nur in den Wahnideen der Patienten ihren Niederschlag findet“ (Ulrich Ertel, Alois Münch S.8).

Unter den Beiträgern des Bandes geht der in Zürich und Uttwil am Bodensee praktizierende Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Florian Langegger davon aus, dass Glaube aus evolutionären Gründen attraktiver ist als Wissen. „Einer der Gründe, warum die Bereitschaft zu glauben sich gegen alles Besserwissen immer wieder behauptet, mag sein, dass gläubig zu sein in der Evolution einen Selektionsvorteil darstellt. Glaube tröstet, stützt das Selbstwertgefühl, macht mutig, hilft gegen Resignation und wirkt antidepressiv. Zahlreiche Untersuchungen aus verschiedensten Gebieten der Medizin bestätigen, dass religiös Gläubige in Krankheitsfällen eine bessere Prognose haben als Ungläubige […]. Menschen, die ihr Glaube trägt, scheinen eher zu überleben […]. Die Ungläubigen sterben schneller aus“ (Florian Langegger S. 24). „Selbst ausgewiesene Naturwissenschaftler kommen oft nicht ohne Glaubensüberzeugungen aus. Max Planck war ein tief religiöser Mensch. Einsteins Ausspruch ›Gott würfelt nicht!‹ ist schon notorisch. In dieselbe Richtung zielt ein Zitat von Heisenberg, der gesagt haben soll: ›Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott‹“. Und schließlich finden sich auch auf dem Gebiet der Psychiatrie und Psychotherapie eine Vielzahl unbewiesener Annahmen und Praktiken, „die wir bei den anderen wohl schnell bemerken und zugleich oft blind sind für den Balken im eigenen Auge“ (Florian Langegger S. 27). Deshalb hält es Langegger im therapeutischen Kontext für angemessener, zu fragen, warum, weshalb und wozu Menschen zu dieser oder jener Glaubensauffassung gekommen sind als danach, ob ihre Glaubensinhalte bestimmte Wahnkriterien erfüllen.

In der therapeutischen Praxis erscheint ihm die Annahme weiterführend, dass Glaubensvorstellungen „immer den Stellenwert eines Therapeutikums haben. Es liegt im Bereich menschlicher Möglichkeiten, Bilder und Vorstellungen hervorzubringen, die hilfreich sind. Zugleich läuft man Gefahr, will man im Glauben ausschließlich ein kostbares Gut sehen, einem Unsinn, einer Täuschung oder einem Wahnsinn aufzusitzen. Beide Möglichkeiten sind immer gegeben. Das Johannesevangelium (8,23) sagt: ›Die Wahrheit wird euch freimachen‹. In Sebastian Brants ›Narrenschiff (1494/1962) heißt es dagegen: ›Die Welt will betrogen sein‹. Von Ingeborg Bachmann stammt das Diktum: ›Die Wahrheit ist zumutbar‹. Ibsen (1907) sagt in der ›Wildente‹ […]: ›Die Lebenslüge ist ein stimulierendes Prinzip‹ und ›Wenn Sie einem Durchschnittsmenschen seine Lebenslüge nehmen, nehmen sie ihm sein Glück‹“ (Florian Langegger S. 28). Wenn man aber danach fragt, wieso jemand zu einer bestimmten Überzeugung gekommen ist, welchen Dienst sie seinem Seelenhaushalt leistet, wovor sie ihn bewahrt, was zurückbleibt, wenn dieser Glaube wegfällt und ob dieser Glaube stützend, tröstend, ermutigend und friedensstiftend oder ängstigend, feindselig und zerstörerisch wirkt, bekommt man in der Regel die nötigen Hinweise, wie man sich gegenüber Glaubensvorstellungen therapeutisch verhalten soll. 

Der Kunsthistoriker, Ausstellungsmacher und Leiter der Heidelberger Prinzhornsammlung Thomas Röske sieht in der Religion die älteste Verwalterin des Irrationalen. Röske schildert in seinem Beitrag, wie der Kaufmann Carl Lange Ende des 19. Jahrhunderts zu der Auffassung gekommen ist, dass die Schweißflecken in seiner Schuheinlegesohle seine Gottgleichheit bestätigen (vergleiche dazu https://prinzhorn.ukl-hd.de/fileadmin/images/Ausstellungen/Das_Wunder_in_der_Schuheinlegesohle/Prinzhorn_wunder_pressemappe.pdf). Lange war auf Reisen durch Amerika nach der Schau einer Fratze auf einem Stück Fleisch und der Planung der Ermordung des mexikanischen Präsidenten in die psychiatrische Anstalt Bloomingdale, New York, eingewiesen und dann nach Deutschland abgeschoben worden. 1888 ist er schließlich in der Anstalt Schwetz gelandet und dort 1916 gestorben. In Schwetz hat er in den Schweißflecken seiner 

Schuheinlegesohle sich immerzu wandelnde komplexe Gesichter aus dem religiösen und politischen Kontext entdeckt und sie in detailreichen Bleistiftzeichnungen abgezeichnet. „Manche seiner Kompositionen wirken wie Folgen von Filmstills, jeweils eingeschrieben in den charakteristischen Umriss einer Schuhsohle […].  Das Abbild aus Körperschweiß hat im Christentum eine lange Tradition, man denke an das Schweißtuch der Veronika oder das Turiner Grabtuch“ (Thomas Röske S. 132). Die Bildfolgen schienen Lange seine Gottgleichheit zu beweisen, weil er sie mit seinem eigenen Schweiß hervorgebracht hat. 

Weitere Beiträge beschäftigen sich mit der Dynamik der Identitätsveränderung bei Trauma, Psychose und Religion, dem Wahn als Schutzschild vor Vernichtung und Scham, der Apokalypse und Kosmogonie bei Psychotikern, der transzendierenden Triangulierung und der Frage, wie ein schizophrener Mensch Gott an seiner Psychotherapie beteiligt hat.

ham, 4. Dezember 2019

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