Katalog zur gleichnamigen Ausstellung  vom 22.06. – 29.09.2013 in der Alten Kelter Fellbach Hrsg. von Yilmaz Dziewior, Angelika Nollert und Christa Linsenmaier-Wolf für das Kulturamt der Stadt Fellbach mit Texten unter anderem von Eva Birkenstock, Yilmaz Dziewior, Ulrike Gerhardt, Angelika Nollert und Astrid Weg Stadt Fellbach / Verlag der Buchhandlung Walther König, 2013, ISB N 978-3-9814073-4-1, 240 S., zahlreiche s/w- und Farbabbildungen,  Klappenbroschur, Format 22 x 28 cm, € 24,– (Museumsausgabe)

Utopien und utopisches Denken wurzeln in der platonischen Vorstellung, Gemeinwesen durch vernunftgemäße Leitung rational verwalten und gestalten zu können. Der Humanist, Politiker und Kontroverstheologe Thomas Morus hat diese Vorstellung in seinem namengebenden, zwischen Traktat, Erzählung und Belletristik changierenden Roman „Utopia“ aufgegriffen und von einer Insel erzählt, in der das Privateigentum abgeschafft ist und das Leben nach rationalen, religiösen und technischen Idealvorstellungen gestaltet werden kann. 1989 ist der Kommunismus als letzte große Utopie gescheitert. Die danach aufkommende Rede vom „Ende der Geschichte“ ist davon ausgegangen, dass ein immer weiter veränderter Kapitalismus die definitiv letzte gesellschaftliche Form sei und dass es deshalb keine Utopien mehr braucht. Für die Anhänger dieser Vorstellung mag es ein Schock gewesen sein, dass mit dem Ende des Ost-West-Konflikts wieder Geschichte geschrieben worden ist. Utopien, auch negative Utopien wie die von George Orwell, Aldous Huxley, Hermann Kahns technische Utopien und die  biologistischen Utopien des Nationalsozialismus zeigen die Grenzen technisch-rationaler utopischer Konzepte auf: Sie setzen voraus, dass die Zukunftswirkungen heutiger Entscheidungen  kalkulierbar sind und dass morgen noch die gleichen Gesetze wie heute gelten. Aber genau das ist nicht der Fall. Die Geschichte bleibt offen.

Deshalb hat mein Lehrer Jürgen Moltmann in seiner im Gespräch mit Ernst Blochs utopischem Denken entwickelten „Theologie der Hoffnung“ nicht mehr von aus Vergangenheit und Gegenwart bekannten Prinzipien her gedacht, sondern vom  realen Ende der Geschichte her. Was wirklich gut, tragfähig, vernünftig und sinnvoll ist, wird sich erst am Ende der Geschichte erweisen. Im Nachhinein wird sich auch zeigen, was in der Konsequenz katastrophal gewesen ist.  Deshalb muss das „Ende der Geschichte“ radikaler gedacht werden als nach 1989, nämlich vom Ende unserer jetzigen Zivilisation und dem möglichen Anfang einer neuen Welt her . Bisher  realisierte Utopien haben allesamt in Katastrophen geendet. Man belächelt den Pragmatismus einer Angela Merkel zwar , aber  muss ihn dann letztlich doch als eine respektable Form des Umgangs mit Offenheit anerkennen.

Wenn sich Oberbürgermeister Christoph Palm als der für die 12. Triennale Kleinplastik Fellbach Verantwortliche auf den Themenvorschlag der Kuratoren Yilmaz Dziewior und Angela Nollert „Utopie beginnt im Kleinen“ eingelassen hat, dann weiß er um die Geschichte der gescheiterten Utopien. Er benennt eigens den Terror der Guillotine in der Endphase der Französischen Revolution und, die Säuberungsaktionen des Stalinismus und die aus heutiger Sicht monströsen Städtebauvisionen von Le Corbusier. Le Corbusier hatte 1925 den Abriss des Pariser Stadtzentrums propagiert und mit dazu beigetragen hat, dass nach dem Zweiten Weltkrieg ein Großteil  der zerstörten  Innenstädte und so auch Stuttgart mobilitätsgerecht wiederaufgebaut worden sind. Dabei ging das menschliche Maß gewachsener Städte verloren. Für Palm muss man deshalb von Heilskonzepten wie dem Glauben an die allein selig machende Atomenergie, das unbegrenzte Wachstum und die alleinige Regulationskraft des Marktes Abschied nehmen und statt großer, andere Lösung ausschließenden Utopien mit Ernst Friedrich Schumacher auf „kleine Utopien“  setzen ,auf „Small is beautifull“  und auf die Rückkehr zum menschlichen Maß. In der Konsequenz will Palm  das Nebeneinander verschiedener Lösungen und „fundierte Nachhaltigkeitskonzepte“ fördern. Deshalb hat das Motto der Triennale „Utopie beginnt im Kleinen“ für Palm „auch im politischen und lebensweltlichen Kontext einen Sinn“. „ Künstler … sind gleichsam dafür prädestiniert, mit ihren Formfindungen relevante Fragen zu stellen und – meist vieldeutig und verschlüsselt – zukunftsweisende Antworten zu formulieren“ (Christoph Palm).

In der Geschichte der 1980 von Friedrich Wilhelm Kiel gegründeten Triennale der Kleinplastik wird die jetzige 12. erstmals von zwei Kuratoren verantwortet. Der 1964 geborene Yilmaz Dziewior  leitet heute die Kunsthalle Bregenz. Die 1966 geborene Angelika Nollert ist seit 2007 Leiterin des Neuen Museums für Kunst und Design in Nürnberg. Beide unterstreichen, dass die Beschränkung der Triennale auf das kleine Format und die dezentrale Lage Fellbachs abseits der heutigen Kunstmetropolen für sie eine doppelte Herausforderung darstellen. In der Konsequenz stellen sie Künstler aus Regionen ins Zentrum, auf die die globalen Umwälzungsprozesse nach 1989 die  gravierendsten Folgen hatten. Nachdem das kleine Format nach der Aufgabe formaler Hierarchien in der Kunst nicht mehr die zentrale Rolle spielt, wollen sie es als modellhaften Entwurf verstehen, der das Potential zur Veränderung hat und zum Denken anregt, aber nicht zwingend umgesetzt werden muss. Die Arbeiten der 55 ausgewählten Künstler werden mit einer Ausnahme auf  Denkinseln präsentiert, die der Architekt und Architekturtheoretiker Arno Brandlhuber und der Künstler Manfred Pernice geschaffen haben. Die Ausnahme ist die von  Pascale Marthine Tayou aus tausenden von gelben, blauen, roten, grünen und weißen Plastiktüten geschaffene rund 8 Meter hohe Tasche, die wie ein übergroßer Bienenschwarm raumfüllend  im Gebälk der Fellbacher Kelter hängt. Unter den auf den Denkinseln präsentierten Arbeiten könnten Isa Genzkens ‚Weltenempfänger‘ von 1987 für die gescheiterte Utopie einer technikbasierten weltweiten Kommunikation stehen. Genzken hat Transistorradios in Beton nachgegossen und mit Antennen versehen. Michaela Eichwald verpackt in ihren an Bernstein erinnernden halbtransparenten Objekten  gefundenen und gekauften Krimskrams , so Stecknadeln, Angelhaken, Knöpfe und Radiergummis, aber auch Essbares wie Kapern, Nudeln oder Hühnerknochen  und selbstgefertigte Fotos, Zeichnungen und Knetfiguren.  Eichwalds ‚Hand‘ steht für die Hybridisierung der Lebenswelten und lässt ähnlich wie Luis Camnitzers schräg in den Raum gespanntes Lot (‚Shift oft he Center oft the Earth‘, 1975) nach den verlorenen Maßstäben überkommener Welten fragen. Leonor Antunes‘ Arbeit ‚1763 – 2008‘  erzählt die Geschichte eines doppelten Neuanfangs und einer Verwandlung: Der 1972 in Lissabon geborene Antunes hat auf einem Flohmarkt in Sao Paolo eine Goldmünze mit dem Abbild Joseph I. entdeckt. Die Münze datierte auf 1763. „Damals, in den Jahren nach dem großen Erdbeben von Lissabon, wurden aus den in den Trümmern gefundenen Edelmetallen Goldstücke geprägt. Antunes … schmolz (die Münze) ein und eliminierte damit das Abbild jenes Regenten… Präsentiert in einem Kasten aus Brasilholz, dessen Handel inzwischen verboten ist, einst aber große Erträge erzielte, verdichtet sich in dem Goldstück die Spur einer Naturkatastrophe mit der portugiesisch-brasilianischen Kolonial- und Wirtschaftsgeschichte. In seiner neuen Form hat das Material die Verbindungen zu dieser Wirklichkeit augenscheinlich gekappt – doch nur, um ihr umso größere Präsenz zu verleihen“ (Astrid Wege).

ham, 10.10.2013

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