Publikation zur gleichnamigen Ausstellung vom 29.11 2019 – 19.4.2020 im Zeppelin Museum Friedrichshafen, herausgegeben und mit Texten von Claudia Emmert und Ina Neddermeyer für das Zeppelin Museum

Zeppelin Museum Friedrichshafen / dcv (edition cantz), ISBN 978-3-947563-73-9, 152 Seiten, 60 farbige und 58 s/w Abbildungen, Hardcover gebunden, Format 26,5 x 21,3 cm, € 24,90

Der 1889 in Stuttgart geborene Adolf Hölzel-Schüler, Maler, Bühnenbildner, Typograf und Kunsttheoretiker Willi Baumeister gilt als einer der Wegbereiter der Abstraktion. Zwischen 1929 und 1933 war er an der Städel’schen Kunstschule in Frankfurt Lehrer der 1912 in Pirmasens geborenen und mit Hugo Ball verwandten Marta Hoepffner. „Hoepffner hob die modernen Lernmethoden Baumeisters hervor, die man heute als transdisziplinär bezeichnen könnte: So regte er den Austausch zwischen den Disziplinen an, lud beispielsweise die Architekturklasse zum Diskurs ein und forderte seine Student*innen auf, sich Einblicke in die moderne Wissenschaft und Technik zu verschaffen. ›Er hat im Experiment und dessen technischer Präzision eine wichtige künstlerische Aufgabe gesehen. Im Unterricht lernten wir Phantasie und Technik ineinander greifen zu lassen durch gegenstandslose Bilder auf fotografischem Wege (Fotogramme)‹, schrieb sie“ (Marta Hoepffner nach Claudia Emmert S.5). Als Baumeister 1933 nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten seines Amtes enthoben wird, verlässt auch Hoepffner aus Protest die Akademie, eröffnet eine Werkstätte für künstlerische Fotoaufnahmen in Frankfurt und experimentiert heimlich mit abstrakten Fotogrammen und Fotomontagen (vergleiche dazu https://www.google.de/search?sxsrf=ALeKk00kyWAemeSRR3mee060AkgtGUHQyw:1593335757069&source=univ&tbm=isch&q=marta+hoepffner+photography&sa=

X&ved=2ahUKEwi297qelqTqAhUNYcAKHUuVDwYQ7Al6BAgKEC8&biw=1348&bih=870). 

Baumeister und Hoepffner haben zeitweise am Bodensee gelebt. Von beiden finden sich Werkblöcke im Zeppelin Museum in Friedrichshafen. Dies mag einer der Gründe dafür gewesen sein, ihre unterschiedlichen Wege in die Abstraktion in einer Ausstellung (vergleiche dazu unter anderem https://dcv-books.com/produkt/wege-in-die-abstraktion-marta-hoepffner-und-willi-baumeister/ und wege in die abstraktion zeppelin museum) miteinander zu vergleichen und damit auch einen Beitrag zur Neubewertung der Rolle der Frauen in den kunstgeschichtlichen Entwicklungen am Beginn des 20. Jahrhunderts zu leisten. Schließlich waren 

Hoepffner und Baumeister auch noch freundschaftlich verbunden. 

Baumeister ging davon aus, dass sich Abstraktion als eine künstlerische Sprache unter anderem aus steinzeitlichen Schrift- und Bildzeichen ableiten lässt. „So schlug er eine Brücke von der Urzeit bis zur Gegenwart und interpretierte die steinzeitlichen und antiken Zeichnungen als Fragmente einer weltumspannenden Erzählung, die nur in Teilen entschlüsselt, deren vollständige Bedeutung also lediglich erahnt werden kann“ (Claudia Emmert S. 7; vergleiche dazu auch die Werkübersicht https://www.willi-baumeister.org/de/content/werkuebersicht). In ›Das Unbekannte in der Kunst‹ schrieb er: „Dem Inhaltlichen vergangener Kunst oder der Kunst ferner liegender Zonen völlig gerecht zu werden, ist selbst bei aller Einfühlungsfähigkeit, auch bei entsprechenden historischen Kenntnissen unsicher. Beim Ansehen eines ägyptischen, peruanischen, chinesischen Kunstwerks oder der Sixtinische Decke bleibt der Betrachter in seiner Zeit und das Werk in der seinen und beide bleiben in ihren besonderen Kulturbedingungen. Durch Spezialstudium kann der heutige Betrachter manche Erkenntnisse gewinnen, aber sie bleiben trotzdem vage, da die grundlegenden Befunde der Lebensbedingungen nie voll erfaßt werden können. Der rein visuelle Gehalt des Werkes kann aber bedingungslos direkt empfangen werden“ (Willi Baumeister, Das Unbekannte in der Kunst. S. 34, zitiert nach Claudia Emmert S. 8 f.).

Hoepffner geht bildnerisch und konzeptionell andere Wege. Nach dem Studium wendet sie sich der Fotografie zu, befasst sich mit modernen fotografischen Techniken und experimentiert mit Belichtungen, Farbfiltern, Farbe, Licht und Bewegung. „›Es geht mir um die visuelle Konkretisierung einer Wirklichkeit, die sich mit malerischen Mitteln nicht veranschaulichen lässt: Licht, Raum, Bewegung. Meiner Kunst geht es nicht um emotionalen Selbstausdruck, sie beabsichtigt keine Symbole, keine sogenannte Aussage, sondern will Licht und Farbereignisse aufzeigen. Licht und Farbe sind Gestaltungsmittel, um eine geistig-schöpferische Konzeption zu verwirklichen. Was ich mache ist auch Poesie, aber eine technisch materielle, eine Poesie aus rationalem Bewußtsein‹“ (Marta Hoepffner nach Claudia Emmert S.9). Im Zentrum ihrer in Hofheim am Taunus gegründeten Fotoschule steht die Entwicklung der ›Schaukraft‹. „›Optische Werte spielen in der Fotografie ein Eigenleben. Lichtformen, Schattenformen und Zwischenformen können zum Inhalt eines Bildes werden und zur selbständigen, oft abstrakten Form‹“ (Marta Hoepffner nach Claudia Emmert S. 10). Technische Neuentwicklungen wie der erste Elektronenblitz werden selbstverständlich ausprobiert und ihre 1965 entwickelten variochromatischen Lichtobjekte erinnern an Willi Baumeisters 1921 angedachte Maschine Mechano (vergleiche dazu https://werkverzeichnis.willi-baumeister.org/werk/mechano-1). 

In den Arbeiten der Ausstellung lassen sich immer wieder formale Ähnlichkeiten zwischen dem Werk von Baumeister und Hoepffner entdecken, „die eine andere Art der Narration ergeben, nämlich die der Entwicklung einer neuen Art des Sehens, eines neuen Umgangs mit dem Sichtbaren. Diese formalen Ähnlichkeiten erstaunen angesichts der medialen Unterschiede von Fotografie und Malerei – und angesichts der unterschiedlichen Impulse, aus denen die jeweiligen Werke geschaffen wurden“ (Claudia Emmert a. a. O.; vergleiche dazu auch den virtuellen Rundgang durch die Ausstellung wege in die abstraktion zeppelin museum und die Life-Führung mit Claudia Emmert https://www.youtube.com/watch?v=mAD-13uVutA). Der vorzüglich erarbeitete und gestaltete Katalog zur Ausstellung ist ein Muss (vergleiche dazu https://dcv-books.com/produkt/wege-in-die-abstraktion-marta-hoepffner-und-willi-baumeister/).

ham, 29. Juni 2020

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